Glosse, von lat. glossa, Zunge; Sprache. Ursprünglich: erklärungsbedürftiger Ausdruck, dann: Erläuterung eines solchen. Auch: spöttische Randbemerkung, polemisch-feuilletonistische Kurzform.
Ich habe bemerkt, sagte Herr K., daß wir viele
abschrecken von unserer Lehre dadurch, daß
wir auf alles eine Antwort wissen. Also könnten
wir nicht im Interesse der Propaganda eine
Liste der Fragen aufstellen, die uns ganz
ungelöst erscheinen?

 

 

glossar : a

 
Abfall (1)
 
 
Abfall (2) “Kinder nämlich sind auf besondere Art geneigt, jedwede Arbeitsstätte aufzusuchen, wo sichtbare Betätigung an den Dingen vor sich geht. Unwiderstehlich fühlen sie sich vom Abfall angezogen, der sei es beim Bauen, bei Garten- oder Tischlerarbeit, beim Schneidern oder wo sonst immer entsteht. In diesen Abfallprodukten erkennen sie das Gesicht, das die Dingwelt gerade ihnen, ihnen allein zukehrt. Mit diesen bilden sie die Werke von Erwachsenen nicht sowohl nach als sie diese Rest- und Abfallstoffe in eine sprunghafte neue Beziehung zueinander setzen. Kinder bilden sich damit ihre Dingwelt, eine kleine in der großen, selbst. Ein solches Abfallprodukt ist das Märchen, das gewaltigste vielleicht, das im geistigen Leben der Menschheit sich findet: Abfall im Entstehungs- und Verfallsprozeß der Sage.”
Walter Benjamin: Rezension zu Karl Hobrecker: Alte vergessene Kinderbücher, in: ders.: Gesammelte Schriften Bd.III. Hg. V. Hella Tiedemann-Bartels. Frankfurt 1972 S.12-22
s. auch Müll s. Ordnung
 
Abwesenheit (1)
It isn´t the art that matters.
The art is not mine, not yours, not anyone's. It's gone.
Some things may turn up again.
But we'll never know where most of it go to.
We're used to the idea. Think of all the libraries that have burned. It's the absence.
Just think of it: First the trains, the mines, the collection points, the steamer trunks, the boats, the trucks, the frontiers;the endless documents, and then, the absence.
Vera Frenkel: Body Missing, in: Andere Körper. Offenes Kulturhaus. Linz 1994, S.64
Abwesenheit (2)
Kameraleute filmen die Leerstelle (und ihren Schatten), den gestohlene Bilder von William Turner in der Frankfurter Ausstellungshalle Schirn hinterlassen haben.
 
Abwesenheit (3) Merkwürdigerweise gibt es mehr Theorien über das Verschwinden der Dinosaurier als über das Verschwinden der Neandertaler. Die Neandertaler waren klein und eines Tages weg. Die Cromagnon-Höhlenmaler waren fünfunddreißigtausend Jahre später plötzlich da und groß. Über einen Meter achtzig sollen sie gewesen sein und negroid. Wieder dreißigtausend Jahre später kommen deine kleinen Neolithiker, die du im Museum gesehen hast. Sie konnten nicht mehr malen, aber schleppen. Keine Kontinuitäten. Die Brüche in der Logik der Erklärungen schienen akzeptabler zu sein als das Fortbestehen des Geheimnisses.
Aus: Helke Sander, Oh Lucy, Erzählung. München 1991, Seite104 bzw. 105
 
Afghanistan s. Bildersturm
Ahnen; Ahnenfurcht "Ohne über die primitivsten Kenntnisse zu verfügen, bin ich in das ethnographische Museum [in Wien] gegangen. Ein jeder Saal des Mezzanin ist die Folterkammer eines Volkes, eines Stammes. In welcher Hölle leben fast alle! Immer wollen die Toten über sie herfallen wie die schwärmenden Haie, wie die riesigen, rote Strahlen tragende Bandfische, die sich schimmernd durch die Heringsschwärme winden; [...] Der Schrecken der Maske soll den Schrecken des Totenreichs, des Dämonensturms bannen; je mehr Schrecken der Mensch freiwillig annimmt, um so besser fühlt er sich beschützt, sei es in Neapel oder besser Neuguinea [....]; unter den wie in Regalen sorgfältig aufgestellten Schädeln der Feinde lehnen die Ahnenschilde. Sind die Ahnen versöhnt? (Die Toten sind böse. Alles ist böse, das nicht die Angst des Lebens teilt.) Aber auch die Toten haben Angst. Man muß ihnen - wie den Schächern - die Beine zerbrechen, sonst schleichen sie sich ein. Aus den kunstreichen Bildnissen der Toten steigen geschwungene Stoßzähne wie Kerzen - und vorzüglich wurden vom selben afrikanischen Stamme [...] die europäischen Eroberer in ihrer rücksichtslosen Härte porträtiert." Reinhold Schneider:Winter in Wien
 
Animation Europäischer Aberglaube nimmt an, Naturvölker seien so naiv, Steine, Hölzer und anderes banales Material für beseelt zu halten (Anima = lat. Seele; animistisch = beseelt). Wer sich ein solches Objekt auf den Leib holt, wolle sich in die Verfügungsgewalt der guten Geister gegen die bösen begeben. Diese europäische Naivität spiegelt sich auch in der Auffassung, böse Geister, ja der Teufel, könnten von einem Menschen Besitz nehmen. Seit der Renaissance bemühen sich Künstler, die gestalterischen Verlebendiger toten Steins und stumpfer Erden, um Aufklärung des Aberglaubens. Pisanello führte die Berufsbezeichnung Zoographos für Künstler ein. Der Anspruch, Leben zu schaffen wie der christliche Schöpfergott oder Leben zu gebären wie die Mütter, war nicht so skandalträchtig gemeint wie er verstanden wurde. Pisanello entdeckte, daß durch die gestalteten Werke die Betrachter, die Zuschauer, die Zuhörer, die Leser beseelt werden, nämlich enthusiasmiert oder erschreckt, triumphal gestärkt oder von bösen Gedanken gepeinigt. Also: Der Künstler beseelt denjenigen, der mit Kunstwerken, gestalteten Objekten, Texten, Musiken, umgeht. Und diese Auffassung ist ja kein Sakrileg, sondern das Gegenteil der primitiven Annahme, die beseelende Kraft stecke in den toten Objekten selber. So wie sich das Souvenir nicht selber erinnert, sondern Erinnerung anregt, bringen Amulette und Talismane nicht Teufel oder Tugend auf den Leib, sondern animieren den Träger. Animation ist heute Mittelpunkt jeder Vermittlung zwischen Menschen, die über Objekte (incl. sprachlicher Vergegenständlichung) läuft: Als filmische Animation und als kulturtouristische Animation. Bazon Brock führte 1959 die Berufsbezeichnung Animateur/animator/Animator in die Kulturberufe ein.
Bazon Brock
Aquarien der Erinnerung Der Besitzer der Schneekugel-Manufaktur Perzy in Wien - Hernals. Erwin Perzy I. hat um 1890 die Schneekugeln mit dem Schnee der niemals schmilzt erfunden. Die Firma Perzy erzeugt - in Handarbeit - etwa 200.000 Schneekugeln im Jahr, mit einem Schnee (ein Gemisch aus Hartwachs und Kunststoff, das in einem besonders behandelten Wasser - Geheimrezept ! - schwimmt), der besonders langsam - bis zu zwei Minuten - rieselt und an dem Kenner sofort die Original Perzy Schneekugel erkennen.
 
Archäologie s. Erinnerung

 

 

Arche Noah
 
 
Abbildung: Athanasius Kircher: Arca Noe, 1675.
Abbildung unten: Timm Ulrichs: Arche Noah II. Kammerhofmuseum Bad Ausse/Steiermark1
Eines der ältesten und erfolgssichernden Speichermedien. Buch Mose (Genesis):
Als aber der Herr sah, daß der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, da reute es ihn, daß er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen, und er sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis hin zum Vieh und bis zum Gewürm und bis zu den Vögeln unter dem Himmel; denn es reut mich, daß ich sie gemacht habe. ...
Und der Herr sprach zu Noah: Geh in die Arche, du und dein ganzes Haus; denn dich habe ich gerecht erfunden vor mir zu dieser Zeit. ... Denn von heute an in sieben Tagen will ich regnen lassen auf Erden vierzig Tage und vierzig Nächte und vertilgen von dem Erdboden alles Lebendige, das ich gemacht habe. Und Noah tat alles, was ihm der Herr gebot. ... In dem sechshundertsten Lebensjahr Noahs, am siebzehnten Tag des zweiten Monats, an diesem Tag brachen alle Brunnen der großen Tiefe auf und taten sich die Fenster des Himmels auf und ein Regen kam auf Erden vierzig Tage und vierzig Nächte. ...
An eben diesem Tage ging Noah in die Arche mit Sem, Ham und Jafet, seinen Söhnen, und mit seiner Frau und den drei Frauen seiner Söhne; dazu alles wilde Getier nach seiner Art, alles Vieh nach seiner Art, alles Gewürm, das auf Erden kriecht, nach seiner Art und alle Vögel nach ihrer Art, alles was fliegen konnte, alles, was Fittiche hatte; das ging alles zu Noah in die Arche paarweise, von allem Fleisch, darin Odem des Lebens war. ...
Und die Sintflut war vierzig Tage auf Erden, und die Wasser wuchsen und hoben die Arche auf und trugen sie empor über die Erde. Und die Wasser nahmen überhand und wuchsen sehr auf Erden, und die Arche fuhr auf den Wassern. Und die Wasser nahmen überhand und wuchsen so sehr auf Erden, daß alle hohen Berge unter dem Himmel bedeckt wurden. ...
Da gedachte Gott an Noah und an alles wilde Getier und an alles Vieh, das mit ihm in der Arche war, und ließ Wind auf Erden kommen, und die Wasser fielen. ...
Nach vierzig Tagen tat Noah an der Arche das Fenster auf, das er gemacht hatte, und ließ einen Raben ausfliegen; der flog immer hin und her, bis die Wasser vertrockneten auf Erden. Danach ließ er eine Taube ausfliegen,... Die kam zu ihm um die Abendzeit, und siehe ein Ölblatt hatte sie abgebrochen und trug's in ihrem Schnabel.
Da merkte Noah, daß die Wasser sich verlaufen hätten auf Erden. ... Noah aber baute dem Herrn einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar. Und der Herr roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jungend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.
Archiv Wir brauchen die Archive, um den Vergleich herzustellen zwischen dem, was früher war, und dem, was heute ist oder vielleicht morgen sein wird. Daher hat die historische Dynamik der Moderne vor allem im Archiv ihren Ursprung und ihren Motor. Die sogenannten „kalten Kulturen", wie Levi-Strauss sie genannt hat, d.h. Kulturen ohne historische Dynamik, sind weitgehend auch Kulturen ohne Archive, zumindest ohne schriftliche Archive. Diese ermöglichen erst einen solchen Vergleich. Wenn wir über die Zukunft der Archive sprechen, sollen wir also nicht vergessen, daß wir überhaupt nicht über die Zukunft sprechen könnten, hätten wir über diese Archive nicht verfügt. (...)
Alles, was über uns archiviert wird, kann gegen uns verwendet werden. Das ist eine bekannte Einsicht. Es handelt sich im Grunde um das Fortwirken - unter den Bedingungen der sakularen Kultur - der alten Angst vor dem unendlichen Archiv, vor dem unendlichen Gedächtnis Gottes, vor dem Jüngsten Gericht. Daher die Freude über die Endlichkeit unserer kulturellen Archive, über das Ende unserer Archive. Das unendliche Gedþchtnis Gottes bedroht uns und verspricht uns die Verurteilung und Strafe beim JŸngsten Gericht, d.h. ein unendliches Gefängnis, aus dem es kein Entrinnen gibt. Bei Nietzsche kann man nachlesen, da§ der Grund für unseren Atheismus im Unwillen liegt, einen unendlichen Betrachter unserer Selbst zuzulassen und das Urteil dieses Betrachters über uns zu ertragen.
Boris Groys: Die Zukunft der Archive Auszug aus einem Vortrag bei den Wiener Kolloquien Kulturwissenschaften am 12. Dezember 1996 in Wien. In: news. Mitteilungen des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften. 1/97 S.24-27
Abb: Ilya Kabakov: Archiv
s. Banalität s. Speicher s. Gedächtnisort
 
Asservat = eine amtlich aufbewahrte Sache, z. B. bei Gericht verwahrte Beweisgegenstände. - Asservatenkammern, die bei Polizeistellen oder Gerichten eingerichteten Aufbewahrungsorte für Asservate.
 
Aura
Die Aura einer Erscheinung erfahren, heißt, sie mit dem Vermögen belehnen, den Blick aufzuschlagen.
Walter Benjamin: Passagenwerk WA I. 2, 646/7
Dinge gewinnen im Museum, in der Ausstellung Sprechfähigkeit durch Einordnung in eine symbolische Ordnung. Historie ist Erzählung über das, was vergangen ist,
d.h.: über das, was wir nicht (mehr) sind: Gespenster- geschichte. Historisches Interesse ist eine Bezüglichkeit, die durch Anschauung nicht zu vermitteln ist, was bleibt ist Phantasmagorie, Halluzination, also: Aura.
 
Aufsicht Fred Wilson: Guarded Views 1991
 
Duane Hanson: Museum Guard 1975
 
Aufseher Die Hauptargumente gegen die Ausbildung der Museumswärter, dagegen, daß das Museum seinen Bildungsauftrag im eigenen Hause beginnt, lauten: - Der Mensch ist unglücklich, wenn er mehr kann, als wofür er bezahlt wird. Man unterhöhlt sein berufliches Selbstbewußtsein, wenn man ihn mit einem Eingeweihtenwissen vertraut macht, das einem höheren Berufsstatus entspricht.
Wenn der Museumswärter weiß, was er bewacht, dann vernachlässigt er das, wofür er bestellt ist: aufzupassen. Ein Wärter, der ein Interesse für die Objekte entwickelte, die er bewacht, könnte zu der Einsicht kommen, daß das bewachte Kunstwerk eines der prekärsten Ergebnisse der Kunstgeschichte ist. Ob solcher Einsicht wäre er schwer relegierbar.
Ein ausgebildeter Museumswärter wäre für die Besucher eher eine Belästigung als eine Hilfe. Die Besucher sollten ihre Ruhe haben zur tiefen, stillen, ungestörten Versenkung. Der Wärter soll nicht danebenstehen und unruhig auf die Sekunde warten, da er sein Wissen loswerden kann. Wenn schon nicht zu vermeiden ist, daß Wärter gelegentlich Preise und Werte, Anekdoten und Zoten verfügbar haben, dann soll doch eine fundiertere Kenntnis nicht unkontrolliert ein Informationsmonopol usurpieren, das den Wissenschaftlern von oben gehört. Die Argumente sind spezifische Varianten der in der Gesamtgesellschaft praktizierten Herrschaft.
Der geniale Bode hat das System eingeführt, die Wärter in Angestellte und Beamte zu teilen, womit ein außerordentlich wirksames Wachverfahren eingerichtet war, da die beiden Gruppen, die sich spinnefeind sind, sich gegenseitig erbarmungslos überwachen. Eine etwas unkundige Meinung will wissen, daß die Klasse der Ausgebeuteten von den Museen ausgeschlossen ist. Doch ihre Vertreter, darunter Rentner und Invalide, sind dort uniformiert eingeschlossen. Es gibt nur eine Klasse, die in den Museumssälen mit permanenter Präsenzpflicht vertreten ist. Es sind die meistgefragten Leute des Museums.
Martin Warnke: Museumsfragen
 
Ausgliederung Wegen der strengen Sparmaßnahmen der Regierung Berlusconi wurden die Finanzierungen für Museen in Italien in den letzten zweieinhalb Jahren um ein Drittel reduziert. Um die Museen offen zu halten, werden Gelder verwendet, die für die Restaurierung großer Werke und für innovative Projekte geplant waren, berichtete die römische Tageszeitung "La Repubblica" 2003 . Einige Museen seien nicht mehr in der Lage, ihre Strom- und Telefonrechnungen zu zahlen. Die Ausgaben für die Instandhaltung der Museen seien seit dem Amtsantritt der Regierung Berlusconi im Juni 2001 um 30 Prozent reduziert worden.
In Italien gibt es offiziellen Angaben zufolge 4.144 Museen, was zwölf Prozent der 35.000 Museen in Europa ausmacht. In Italien gibt es außerdem 100.000 Kirchen und Kapellen, 400.000 Schlösser und Festungen, 6.000 Bibliotheken und 1.500 alte Klöster.
Ausstellung Onomantie: nomina consequentia rerum - Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet »Ausstellung« und das dem Wort verwandte Vokabular eine beunruhigende Mannigfaltigkeit von Ausstellungstätigkeiten, die sich nur schwer auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen. Außerdem rechtfertigt und begünstigt die Vielschichtigkeit des Begriffs in einigen Sprachen sogar die Doppeldeutigkeit, die auf das Phänomen rückwirkt.
Eine vergleichende etymologische Analyse der verbalen Bandbreite und Uneinheitlichkeit in diesen Sprachen würde sich als besonders lehrreich für das Verständnis des Phänomens und vor allem der verschiedenen Bedeutungsfelder (also der unterschiedlichen Konzeption und Perzeption) der entsprechenden Substantiva und Verba erweisen, wie es in solchen inhomogenen Reihen der Fall ist: »mostra«, »esposizione«, »fiera«, »allestimento«, »exhibition«, »display«, »fair trade show«, »exhibition design«, »exposition«, »foire«, »accrochage«, »arrangement«, »Ausstellung«, »Messe«, »Ausstellungsgestaltung«.
Im Vertrauen auf das linguistische Interesse der Forschung erhoffen wir eine Vertiefung dieses Ansatzes, es scheint jedoch angebracht, in diesem Zusammenhang wenigstens einige Grundzüge dieses genealogischen Problems zu skizzieren, das für das Verständnis der Materie nicht unbedeutend ist, denn in dem Maße, als man sie durch die Verwendung in den verschiedenen Sprachen zum Leben erweckt, handelt man durch die Worte: verba imago animi.
Wer bereit ist, dem den Wörtern innewohnenden Klang zu lauschen, wird es verstehen, beispielsweise die klaren Wortverwandtschaften des italienischen mostra (Ausstellung) zu erkennen, die durch eine außergewöhnlich starke etymologische Vorbedeutung - sie werden von den monstra (Monstern) hergeleitet - verstärkt werden. Bezeichnenderweise klingt auch in dem Ausdruck für Messe oder Jahrmarkt fiera die Bedeutung »wildes Tier« mit, sodaß keineswegs bloß oberflächliche Analogien mit den monströsen, zur Warnung geschaffenen Bestien der Antike bestehen. Fiera (Messe oder Jahrmarkt), aus dem Lateinischen fera, weibliche Form von ferus (wild), »fiero« ist die adjektivische Form des Ursprungswortes fer, das sich von dem Stamm GHWER aus dem baltischen und slawischen sowie aus dem griechischen Raum herleitet, wo die Wortwurzel téras, tératos, lateinisch monstrum, lautete. Das Wort, das hier von Interesse ist, hat dieselbe Schreibweise und denselben Klang, es heißt immer noch fiera, von der vulgärlateinischen Form fiera, per Metathese vom Spätlateinischen feria, im klassischen Latein feriae, feriarum (Ruhetage, Feiertage): aus dem alten Ausdruck fesiae, verbunden mit festus, das durch das weibliche Adjektiv von dies substantiviert wurde, entstand das italienische Wort la festa (Feiertag, für die Franzosen sind das die jours fériés).
Diese etymologische Skizze könnte mit nützlichen und erbaulichen Ergebnissen rund ums fruchtbare Netz erweitert werden, das Signifikate und Signifikanten mit leichten Sinn- und Bedeutungsverschiebungen im Laufe der Zeit verknüpft und so im Französischen foire (Messe oder Jahrmarkt) ebenso wie feerie (Feenzauber) oder im Englischen fair und fairy und auch fane geschaffen hat, wobei klar ist, daß uns das deutsche Wort Mustermesse wieder an den Ausgangspunkt dieser Abhandlung, zu »mostrare«, zurückkehren würde. Nach dem Aufzeigen der großen Zahl der Verzweigungen bereits im Namen dieses Phänomens des Ausstellens, das historisch gesehen eine Form der Gestaltung zeitlich begrenzter Warenausstellungen ist, läßt sich folgendes sagen: im Italienischen gibt es sehr wohl Bezüge zum geselligen, profanen Fest, das in dem Stammwort dieses Anlasses für das periodische Ausstellen sowie den Tausch von Waren in der Antike an eigens dafür bestimmten Orten wurzelt, und das wir heute noch als fiera, Messe oder Jahrmarkt bezeichnen.
Aus rituellen Gründen ist festa vielleicht mit feralis, sicher aber mit profanus wortverwandt: offensichtlich ist die Verbindung beider Wörter zu fanum, Tempel (pro fano, »vor dem Tempel«, generiert profanus) ausgehend von einem fas nom, einem Ausdruck, der nur auf dem Gebiet des heutigen Italien verstanden wurde, verbunden mit fas,»göttliches Recht«, das dann zu fatum, »das, was angekündigt worden ist«, aus der Wortfamilie fari, »sprechen«, wird, dessen Wurzel BHA mit dem griechischen Wort phemi identisch und auf germanischem, slawischem und armenischem Gebiet belegt ist.
Sergio Polano: Über das Ausstellen; in: Erber-Groiß, Heinisch, Ehalt, Konrad (Hg.): Kult und Kultur des Ausstellens. Wien 1992. S.82-84
s. Tempel
 
Ausstellungstexte (1) David Wilson, der Gründer und Betreiber des Museum of Jurassic Technology, ist seit jeher von den phantastischen Texten in den Museen fasziniert: "Wir haben uns bemüht, bei einigen der Exponate hier etwas von dieser Wirkung zu erzielen - etwa beim europäischen Maulwurf. Der Begleittext für das Exponat des Läutnicht-Faultiers - er zählt zu unseren mysteriösesten - entstammt wortwörtlich dem Erläuterungstext zu einem ähnlichen Ausstellungsstück im Field-Museum in Chicago. Wirklich. Niemand will es mir glauben."
"Die vorgeschichtlichen Menschen müssen das merkwürdige Läutnicht-Faultier gekannt haben, auch wenn die zahlreichen Höhlenmalereien (zum Beispiel in den südfranzösischen Höhlen von Lascaux und Font-de-Gaume) offenbar nirgends Abbildungen von ihm zeigen. Zur Zeit der Römer war es wahrscheinlich schon ausgestorben, da nach Richard Ownes I846 getroffener Feststellung 'das absolute Schweigen, das Cäsar und Tacitus hinsichtlich solch bemerkenswerter Tiere an den Tag legen, praktisch die Möglichkeit ausschließt, daß sie damals noch existierten und erst später von den wilden Eingeborenen ausgerottet wurden'. Andererseits konnte die wiederholte Rede von einem "grimmen Schelch" im Nibelungenlied ein Hinweis darauf sein, daß dieses Tier lange genug lebte, um in diesem Stück Volksüberlieferung noch Erwähnung zu finden."
Ausstellungstexte (2)
Kärntner Handwerksmuseum Baldramsdorf
 
Aussterben "..der Tiger ist, wie viele andere Lebewesen auch, vom Aussterben bedroht. In den letzten 400 Jahren starben in allen Erdteilen 475 Tierarten aus, davon allein 76 seit dem l.Weltkrieg."(Richard Borstel) Die Dezimierung des tierischen und pflanzlichen Artenreichtums beschleunigt sich in bestürzendem Maße; und viele Spezies werden vom Erdboden verschwunden sein, noch ehe ihre Existenz vom Menschen überhaupt bemerkt worden sein wird. Die Zoos - die 907 große Tiersammlungen besitzen etwa 1,4 Millionen und die kleineren privaten Zoos rund 5 Millionen "Objekte" - werden ihrer Rolle als Tier-"Museen" kaum gerecht, sie tragen zur Ausrottung der Tiere mehr bei als zu ihrer Rettung.."
Timm Ulrichs,1990
 
Authentizität (1) In einer doppelten Kehrtwendung spielt die Künstlergruppe 20228-0000042945 (Ali Janka, Florian Reither, Tobias Urban) in der Ausstellung Coming up (Museum moderner Kunst Sammlung Ludwig, 1996) mit der Sehnsucht nach Authentizität, indem sie einerseits handgemalte Bilder der Gorilla-Dame Nonja und andererseits die Angestellte eines Wiener Taxi-Unternehmens ausstellt.
In einer Welt der Reproduktionen, der Fakes und Simulationen wird die Suche nach dem Ursprung der Geschehnisse mitunter geradezu öbszön.
Dorthin, wo ein Anfang vermutet wird, langt der Arm der Authentizitäts-Konstrukteure.
Die Suche nach dem Authentischen ist die Hoffnung, an das ganz Wahre heranzukommen. Sie wirkt mitunter wie eine Sucht, sich von der Last des Symbolischen zu befreien.
Keine verkomplizierende Vermittlung durch Sprache oder sonstige sublime Konstruktionen mögen zwischen die Körper der Dinge / Wesen und die Körper der Wahrnehmenden treten. Mit dem Verschwinden der Sprache soll, so die Hoffnung, auch die Zeit ineins fallen. Jetzt ist damals und hier ist dort. Darum sprechen die in den Dingen eingeschriebenen inkorporierten Lebensspuren (Gottfried Korff) wahr.
Man muß jedoch auch sie erst lesen können, um sie wahrzunehmen. Womit Authentizität zum Wiedererkennen gerinnt, welches immer schon ein Verkennen sein muß.
Eva Sturm
s. Dolly
 
Authentizität (1) Das museale Objekt ist ein authentisches Objekt. Damit ist es Dokument und Zeuge. Doch weil Authentizität mehr meint als Echtheit und Originalität, kommt beim musealen Objekt neben dem Zeugnischarakter noch eine andere Dimension ins Spiel. Und zwar ist dies die sinnliche Anmutungsqualität, die Ausgangspunkt für die faszinierende Wirkung der Objektwelten des Museums ist. Den Grund für die »Faszination des Authentischen« bildet das den Objekten eingelagerte Spannungsverhältnis von sinnlicher Nähe und historischer Fremdheit, das Ineinander von zeitlich Gegenwärtigem und geschichtlich Anderem. Diese Ambivalenz bewirkt, daß Originalobjekte Vergangenheit nicht nur heranrücken, sondern sie auch fern halten - aufgrund der eigenartigen Fremdheit, die authentischen Dingen inkorporiert ist (vielleicht ist dies auch einer der Ausgangspunkte von Sloterdijks Xenologie-Museologie). Dem Gegenstand zugleich nah und fern zu sein, in den Horizont einer anderen Zeit einzurücken und doch in der eigenen zu bleiben - von diesem Spannungsverhältnis geht die Präsentation und Inszenierung historischer Objektensembles in Museen und Ausstellungen aus.
Korff/Roth: Das historische Museum
s. Echthheit
Auto-Ikonismus
 
Theorie der posthumen Selbstmumifizierung, die der englische Philosoph Jeremy Bentham entwickelte und - wie man in den Gängen der University of London auch sehen kann - in die Tat umsetzt

 

 
Autonomie der Kunst “Ich glaube an die absolute Autonomie des Kunstwerks. Man steht vor einem Kunstwerk und weiß: dieses Kunstwerk sagt etwas ganz, ganz Bedeutungsvolles, das irgendwie unser Leben ändert, ändern kann. Aber man kann das nicht übersetzen.”
Per Kirkeby, zitiert in: Eduard Trier, Bildhauertheorien im 20. Jahrhundert. 4. A. Berlin, 1992, S. 310