glossar : d
Das zehnte Jahrhundert nach Christus gilt als dunkel.
Was weiß man davon?
Wie haben die Menschen gelebt?
Was hat sie bewegt?
Abb: Deutsche Nationaldenkmäler im Größenvergleich
Denkmal Nun gibt es gewiß einige Dokumente, die dazu Informationen, zumindest Behauptungen liefern. Sofern diese Dokumente aus dem zehnten Jahrhundert selbst stammen - sind sie Monumente.
Wenn Datierung und Erhaltungszustand einigermaßen geklärt sind, liefern Monumente solide und zuverlässige doch oftmals wenig sprechende Hinweise auf jenes Jahrhundert. Sie sind etwas aus ihm selbst - seinerzeit etwas in ihm selbst. Aber sie sind - auch wenn sie riesig groß wären - immer nur winzige Partikelchen jener Realität.
Die Reichskrone, die heute in der Wiener Schatzkammer ihren Ruhestand verbringt, ist - in ihrer oktogonalen Plattenarchitektur - damals von einer kompetenten Werkstatt für eine politische Okkasion bzw. Institution hergestellt worden.
Dieses kleine oder vielmehr große Oktogon - mit Bildern von israelischen Königen und Propheten, mit Dutzenden von Steinen und hunderten von Perlen - ist ein winziges Stück der Realität jenes
Jahrhunderts.
Auch ich bin so ein Denkmal. Wenn sich jemand dringend für das Jahr 1941 nach Christus oder überhaupt für dieses zwanzigste Jahrhundert interessieren sollte, so wende man sich an mich.
Walter Seitter
s. Erinnerungssymbole
 
Denkmalpflege Denkmalpflege heißt heute in erster Linie, die einzelnen Bürger dazu anzuhalten, ihrem eigenen Leben einen Zusammenhang abzufordern. Ihr eigenes Leben als einen Zusammenhang zu rekonstruieren. Früher nannte man das eine Biographie haben. Aber uns wurde gesagt, daß nur bedeutende Männer eine Biographie haben, nicht der Durchschnittsbürger; daß nur die Heroen ein Leben haben, das es wert sei, als Zusammenhang rekonstruiert zu werden. Wenn wir aber nicht auch als Hausfrau oder Verkäufer darauf bestehen, eine Biographie zu haben, so haben wir auch kein Leben. Denn nur anhand unserer Biographien können wir das, was wir heute als Disparatheit, als Zerfall, als Scherbenhaufen des gesellschaftlichen Lebens betrachten, zumindest so weit wieder kitten, wie wir gelernt haben, griechische Scherben und römische Tonvasen zu kitten und wieder als Einheit zu erleben.
Denkmal heißt also für uns, den Bürger dazu veranlassen, an sich zu denken. Es wird ihm normalerweise vorgeworfen, er denke nur an sich, aber in einer Form, die es gerade ausschließt, daß er an das Denken denkt. Das heißt, gerade daran, daß er nur, wenn er über sich wie über einen anderen nachdenkt, wenn er sich so sehen kann, wie er einen anderen sieht, wenn er sich so sehen kann in seinem Leben, wie er eine fremde Kultur zu betrachten gelernt hat, nur dann wird es ihm gelingen, einen Zusammenhang in das scheinbar Zusammenhanglose, einen Sinn in das scheinbar Sinnlose zu bringen. Denkmal heißt, sich selbst zu einem Denkmal zu machen, sich selbst in historischer Distanz betrachten lernen. Selbst die heiligsten kulturellen Güter bleiben, wenn sie nicht Bestandteil unseres Lebenszusammenhangs werden, eben nur Scherben, Ton und Stein.
Denk-mal-nach ist also die Aufforderung, sich selbst als ein Denkmal zu betrachten; die Aufforderung, sich selbst ernst zu nehmen und zu begreifen, daß wir das, was wir inzwischen über das Leben der Gesellschaft ausmachen können, auch auf uns selbst anwenden müssen, und das heißt, die Forderung nach einem Sinnzusammenhang, nach einer Einheit des Lebens zu stellen. Die Rekonstruktion unseres Lebenszusammenhangs, das Beschaffen einer Biographie ist der Versuch, sich selbst in einen Zusammenhang mit der Welt, mit der Gesellschaft zu bringen, in der man lebt.
Bazon Brock - Rede auf einem von der Gesamthochschule Kassel veranstalteten Freiluft Action-Teaching im November 1975 mit dem Titel 'Denk-mal-nach'
Depot "Ähnlich den Atommülldeponien in Salzstöcken ist an die Konservierung von Kunstwerken in Bunkern und Bergwerken zu denken, die man für solche Zwecke in Kriegszeiten bereits genutzt hat. Die Zeiten überdauern kann auch, was "bombensicher" unter Verschluß gebracht oder einbetoniert ist, wie man das 1978 mit dem von Leichendieben bedrohten Charlie Chaplin realisiert hat und vordem des öfteren mit Giftmüll: So etwa hat man 1970 12.540 mit tödlichem Nervengas gefüllte Raketen in Beton-Stahl-Blöcken eingesargt und 230 Meilen vor der Küste von Florida ins Meer versenkt, in der Hoffnung, daß diese "Minimal-Art"-Kube ihren Inhalt nicht so bald freigeben werden..."
Timm Ulrichs,1990
 
Ding; Dingwelt "Die fremdesten Dinge kommen durch Einen Ort, Eine Zeit, Eine seltsame Ähnlichkeit, einen Irrthum, irgend einen Zufall zusammen. So entstehn wunderliche Einheiten und eigenthümliche Verknüpfungen - und Eins erinnert an alles - wird das Zeichen Vieler und wird selbst von vielen bezeichnet und herbeygerufen."
Novalis: Schriften, hg. v. Peter Kluckhorn und Richard Samuel, 2. Auflage in vier Bd.,Stuttgart 1968 S.650 zit.n. Martin Zeiller: Joseph Beuys: Wirtschaftswerte (1980), in: Gerhard Theewen: Exhibition Praesentation. Köln 1996 S.11
“Kinder nämlich sind auf besondere Art geneigt, jedwede Arbeitsstätte aufzusuchen, wo sichtbare Betätigung an den Dingen vor sich geht. Unwiderstehlich fühlen sie sich vom Abfall angezogen, der sei es beim Bauen, bei Garten- oder Tischlerarbeit, beim Schneidern oder wo sonst immer entsteht. In diesen Abfallprodukten erkennen sie das Gesicht, das die Dingwelt gerade ihnen, ihnen allein zukehrt. Mit diesen bilden sie die Werke von Erwachsenen nicht sowohl nach als sie diese Rest- und Abfallstoffe in eine sprunghafte neue Beziehung zueinander setzen. Kinder bilden sich damit ihre Dingwelt, eine kleine in der großen, selbst. Ein solches Abfallprodukt ist das Märchen, das gewaltigste vielleicht, das im geistigen Leben der Menschheit sich findet: Abfall im Entstehungs- und Verfallsprozeß der Sage.” Walter Benjamin: Rezension zu Karl Hobrecker: Alte vergessene Kinderbücher, in: ders.: Gesammelte Schriften Bd.III. Hg. V. Hella Tiedemann-Bartels. Frankfurt 1972 S.12-22
Objekt Ersatzbefriedigung
Dinosaurier s. Abwesenheit
 
Diebstahl Italien: Im Jahr wird ein Museum gestohlen. In Italien wird jedes Jahr ein ganzes Museum geklaut. Dies ist das Ergebnis einer Studie des italienischen Instituts für Politik-, Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften (ISPES) und der Polizei, die die Diebstähle der letzten 20 Jahre untersucht. Demnach wurden in Italien insgesamt rund 300.000, pro Jahr also etwa 15.000, Kunstgegenstände als gestohlen gemeldet—soviel wie ein komplettes Museum beherbergt.
Dabei ist es für die Polizei immer schwieriger, die wertvollen Stücke wiederzufinden.
Wiener Zeitung 13. 12. 1991
Dolly, geklont und gemalt, mit ihrem Klonvater
Dolly findet letzte Ruhe im Museum Das Royal Museum im schottischen Edinburgh hat einen neuen mutmaßlichen Publikumsmagneten. Ausgestopft auf einem mit Stroh bedeckten Sockel ist dort ab sofort das Klonschaf Dolly zu bewundern. Vor knapp zwei Monaten war das Tier in der schottischen Hauptstadt gestorben. Eine herkömmliche Entsorgung der Überreste brachten die Verantwortlichen in Dollys Geburtsstadt aber nicht übers Herz. Immerhin handelt es sich bei ihr um das wohl meistbeachtete Säugetier der Zeitgeschichte.
"Dolly ist eine große wissenschaftliche Errungenschaft Schottlands."
Sie kann nun noch über Jahrhunderte hinweg hier dafür gewürdigt werden", begründete Museumsdirektor Gordon Rintoul die Entscheidung für das tierische Ausstellungsstück. Dolly war das erste aus einer ausgewachsenen Zelle geklonte Säugetier. Sie war am 5. Juli 1996 im Roslin-Institut bei Edinburgh auf die Welt gekommen, nachdem Professor Ian Wilmut die Euterzelle eines anderen sechs Jahre alten Schafs entnommen und in eine zuvor entkernte Eizelle eines dritten Schafs eingesetzt hatte. Im Alter von sechs Jahren war das Tier im Februar nach einer Lungeninfektion eingeschläfert worden.
Duchamp, Marcel
1887 in Blainville (Normandie) geboren. 1902 beginnt er zu malen, geht nach Paris und schreibt sich in die Kunstakademie ein. 1911 Ölstudie für Akt, eine Treppe herabsteigend, ein Bild, das er 1912 malt.
Freundschaft mit Picabia und Apollinaire, Arbeitet als Bibliothekar in
der Bibliothèque Sainte-Geneviève.
Beginn der Arbeiten an Das große Glas/Die Braut von ihren Junggesellen nackt entblößt, sogar.
1914 Erste 'Schachtel' und Kauf eines Flaschentrockners in einem
Kaufhaus, den er im Atelier aufstellt.
1916 Erfindung des Begriffs Ready-Made. Reisen, u.a. nach New York, übt für Profi-Schachturniere.
Mitautor eines Buches über Schachturniere. 1934 Grüne Schachtel.
1935 Rotoreliefs.
1941 Schachtel im Koffer. 1967 Veröffentlichung von Die weiße Schachtel.
1968 stirbt Duchamp und wird in Rouen beigesetzt.
"Das Wort ist ein sehr abgenützter Kiesel, der sich auf sechsunddreißig Schattierungen der Affektivität anlegen läßt. Man sagt nie etwas Interessantes. Die Sprache ist praktisch, um zu vereinfachen, aber sie ist ein Beförderungsmittel, das ich verabscheue. Deshalb liebe ich die Malerei: eine Affektivität, die sich an eine andere wendet. Der Austausch geschieht durch die Augen."
Marcel Duchamp
Marcel Duchamp: "Wir legen zuwenig Gewicht darauf, daß das Kunstwerk vom Künstler unabhängig ist. Das Kunstwerk lebt durch sich selbst, und der Künstler, dem es zufiel, daß er es machte, ist wie ein unverantwortliches Medium. Kein Künstler kann zu irgendeiner Zeit sagen: 'Ich bin ein Genie. Ich werde nun ein Meisterwerk malen.'"
Gregory Bateson: "Nun, Mr. Duchamp, was Sie sagen, heißt nichts anderes, als daß der Künstler der Weg des Bildes ist, um sich selbst zu malen. Das zu sagen ist sehr seriös und vernünftig, schließt aber ein, daß das Kunstwerk in gewissem Sinne existiert, bevor es auf der Leinwand erscheint."
Marcel Duchamp: "Ja, es muß hervorgezogen werden....Es ist eine Art Wettrennen zwischen dem Künstler und dem Kunstwerk."
s. Ready Made