glossar : e

 
Echtheit
»Denn die Echtheit einer Sache«, so an anderer Stelle, »ist der Inbegriff alles von Ursprung her an ihr tradierbaren, von ihrer materiellen Dauer bis zu ihrer geschichtlichen Zeugenschaft«. Walter Benjamin
s. Ersatz
 
Eigentum s. Besitz
Eingrichtl Das traditionelle Eingricht ist eine Glaskugel, in der (von der Technik her ähnlich wie bei beim Buddelschiff) ein religiöses Motiv Platz findet. Solche Eingrichtl gehörten früher zur Hausausstattung wie ein Kreuz oder Weihwasserkessel.
s. Vitrine
 
Entartete Kunst Die [...] Stigmatisierung der modernen Kunst als zersetzend galt den zerrissenen und unsauberen Bildern der zeitgenössischen Künstler, die dem Wunsch nach heiler Selbstrepräsentation, an der die verspätete Nation einen Mangel zu verspüren glaubte, nicht zu entsprechen vermochte.
Die 1937 in der Ausstellung ENTARTETE KUNST kulminierende Ausgrenzung und der Ausverkauf der Moderne begannen mit der Plünderung der eigenen Museen und Kunsthallen, an denen die Nationalsozialisten ihren ersten systematischen Kunstraub durchführten, nicht zuletzt als Inszenierung des Gegenbildes einer beschworenen Zukunft der deutschen Kunst, in der sich die rassisch-idealen Bilder des Volkes spiegeln sollten. Dem Dritten Reich gelang es, Kunstwerke medial umfassend für die Repräsentation und Legitimation staatlichen Machtkalküls zu funktionalisieren.
S. Schade: Die Video-Installation BODY MISSING von Vera Frenkel - eine Verlustanzeige, in: Vera Frenkel. Body Missing
 
Erhalten „Hinter dem "Erhalten bleiben können" stecken Physik und Chemie. Wie schnell zerfällt ein Kunstharz und in was spaltet es sich auf? Unter welchen Bedingungen hält ein Stück geschnitztes Holz oder wird zu Kompost? Da gibt es die Forderung nach ökologisch sinnvoller Kreislaufwirtschaft, zugleich aber die Idee, gewisse Dinge diesem Kreislauf des Entstehens und Vergehens mit aller wissenschaftlicher Raffinesse und allem restauratorischen Können zu entreißen. Hinter dem "Erhalten bleiben dürfen" stecken meist blanke ökonomische In-teressen bzw. öffentliche Budgetgewichtungen - aber so drastisch sagt das natürlich niemand. Und es wäre auch völlig irrig zu glauben, daß wirtschaftliches Florieren das Konservieren des kulturellen Erbes fördert; ganz im Gegenteil, es ist immer wieder der Niedergang, der bewirkt hat, daß Dinge zufällig oder aus Not - aber durchaus wirksam - die Jahrhunderte überdauert haben.“ Erika Thümmel
 
Erinnern "Erinnern - so legen Forschungsergebnisse nahe - ist eine stets in der Gegenwart ablaufende kognitive Operation. Sie holt nicht etwa Erinnerungen wie Funde aus dem Schatzhaus oder der Brunnenkammer des Gedächtnisses herauf, sondern arbeitet als ein besonderer Typ von Wahrnehmen: nämlich als ein Wiedererkennen ohne Anschauungsobjekt (so G. Rusch). Indem im Erinnern eine historisch entstandene neuronale Konnektivität aus aktuell gegebenem Anlaß aktiviert wird, produzieren wir erinnernd Vergangenheiten. Diese Sinnproduktion hat wenig zu tun mit Informationsabruf aus Datenspeichern, aber sie hat sehr viel gemein mit gestaltendem, Kohärzenz stiftenden Erzählen.“ S. J. Schmidt
 
Erinnerung "Wer sich der eignen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet, muß sich verhalten wie ein Mann, der gräbt. Vor allem darf er sich nicht scheuen, immer wieder auf einen und denselben Sachverhalt zurückzukommen - ihn auszustreuen wie man Erde ausstreut, ihn umzuwühlen, wie man Erdreich umwühlt. Denn ‚Sachverhalte' sind nicht mehr als Schichten, die erst der sorgsamsten Durchforschung das ausliefern, um dessentwillen sich die Grabung lohnt. (...) Und gewiß ist's nützlich, bei Grabungen nach Plänen vorzugehen.
Doch ebenso ist unerläßlich der behutsame, tastende Spatenstich in's dunkle Erdreich. Und der betrügt sich selber um das Beste, der nur das Inventar der Funde macht und nicht im heutigen Boden Ort und Stelle bezeichnen kann, an denen er das Alte aufbewahrt. So
müssen wahrhafte Erinnerungen viel weniger berichtend verfahren als genau den Ort bezeichnen, an dem der Forscher ihrer habhaft wurde. Im strengsten Sinne episch und rhapsodisch muß daher wirkliche Erinnerung ein Bild zugleich von dem der sich erinnert geben, wie ein guter archäologischer Bericht nicht nur die Schichten angeben muß, aus denen seine Fundobjekte stammen, sondern jene andern vor allem, welche vorher zu durchstoßen waren."
Walter Benjamin, Ausgraben und Erinnern, in: ders., Gesammelte
Schriften, Bd. IV.1, hg. von Tillmann Rexroth, Frankfurt a.M. 1972, S.
400 f.
s. Historie
Erinnerungsobjekt (1) Bibi und Büberl. Ausgestopfte Kanarienvögel Kaiser Franz I. von Österreich. Bundesmobiliendepot Wien Büberl und Bibi - Glückliche Vögel! Ihr erheitert durch euren Gesang den besten der Kaiser. Es lächelt euch sein freundliches Auge! Euch wart zuweilen vergönnt auf seinem heiligen Haupt zu ruhen." - "Büberl - wurde 14 Jahre alt und endete am 4. April 1837. Zwei Jahre, ein Monath u. zwei Tage nach seinem Herrn. Bibi - folgte 7 Monathe später.
Erinnerungsobjekt (2) Anstecker ZACHOR (Erinnere Dich!). Fundort: Souvenirladen Yad Vashem. Foto: Naomi Tereza Salmon. Abb. aus: Eva Grabherr: Das Dreieck im Sand
Erinnerungsräume 1878 machte die Erbin Franz Grillparzers (gest. 1872), Katharina Fröhlich, der Stadt Wien das Angebot, den Nachlaß des Dichters zu stiften. Bereits 1888, innerhalb der ersten Aufstellung des Historischen Museums im sogenannten Alten Rathaus, wurde das Grillparzerzimmer "in schuldiger Verehrung für den grossen Dichter" (so der zeitgenössische Museumskatalog) gezeigt.
Erinnerungsräume gestatten die Integration von Erinnerungsobjekten in ein - mehr oder minder authentisches - Ensemble und fungieren als ein Denkmal - ähnlich den Personalmuseen, wo ganze Wohnungen und Häuser samt ihrem zeitgenössischen Interieur erhalten und geflegt werden - der Unsterblichkeit großer Persönlichkeiten.
1998 wurde die Wohnung der Familie Lennon in Liverpool in den Zustand von 1955 'zurückversetzt', in die Zeit, in der John Lennon über den ersten Liedttexten und Kompositionen saß, und der Öffentlichkeit - fünf Gruppen a 14 Besucher am Tag - wie ein Museum zugänglich gemacht.
s. Historismus
 
Erinnerungssymbole „Unsere hysterisch Kranken leiden an Reminiszenzen. Ihre Symptome sind Reste und Erinnerungssymbole für gewisse (traumatische) Erlebnisse. ... Auch die Denkmäler und Monumente, mit denen wir unsere großen Städte zieren, sind solche Erinnerungssymbole ... Diese Monumente sind also Erinnerungssymbole wie die hysterischen Symptome.“
Sigmund Freud
 
Ersatz Wenn das Echte, das Eigentliche, nicht oder nur schwer zu haben ist und man trotzdem nicht darauf verzichten möchte oder kann, wird nach einem Ersatz gesucht. Angewandt auf alltägliche Genußmittel (z.B.Kaffeersatz) hat das deutsche Wort in der Nachkriegszeit einen zwiespältigen internationalen Rang erworben.
Der Umgang mit Ersatz kann so pfiffig wie naiv oder resigniert bescheiden sein. Wer fertig angebotenen Ersatz akzeptiert, begnügt sich, wer sich Ersatz schafft, begnügt sich gerade nicht. Die Suche nach Ersatz macht erfinderisch. Wer nicht die Mittel dazu hat, teure Kunstgegenstände zu sammeln, kann eine witzige Sammlung von Museumsshopsobjekten nach eigens erfundenen Gesichtspunkten zusammenbringen.
Dabei wird ihm das „Echte, Eigentliche“ mit der Zeit herzlich gleichgültig werden, der Ersatz wird ihm seine „eigentliche“ Lustquelle sein. So erweist sich, wie bereits sprachlich zu erkennen, das „Ersatz Schaffen“ als schöpferische Tätigkeit und hat grundsätzlich mit Kunst zu tun (es heißt ja Kunstleder und Kunstseide).
Was sind schließlich Metapher und Symbol, ohne die keine Kunst auskommt, anderes als Ersatz für das „Eigentliche“?
Bei Fontane behauptet jemand an einem Herrenabend bei Prinz Louis Ferdinand (in Schach von Wuthenow):“ Die Surrogate bedeuten überhaupt alles im Leben und sind recht eigentlich die letzte Weisheitsessenz“. Und der Prinz meint dazu: „Es muß sehr gut mit Ihnen stehn(...),.daß Sie sich zu solchen Ungeheuerlichkeiten offen bekennen können.“ Jutta Prasse
 
Ersatzbefriedigung Kaum geboren, hat der Mensch - schon wieder - Hunger. Ohne fremde Hilfe kann dieser nicht gestillt und kein Bedürfnis befriedigt werden. Das kränkt. Und bindet uns zugleich, wie Freud betonte, an den Neben-Menschen als den "unvergeßlichen Anderen". Denn dieser - als gebende und gewährende Instanz - gestattet uns das flüchtige Erlebnis der Befriedigung und wird zum Erinnerungsbild und zur Gedächtnisspur eines lustvollen "ersten Mals", welches doch - sonst gäbe es kein "zweites Mal" - unrettbar verloren scheint. Wir wünschen dieses erste Mal wiederzufinden und finden nur Ersatzobjekte, genauer: den Ersatz als ein Objekt jenseits der Befriedigung, das allen Verlust wiedergutmachen könnte. Wir halluzinieren oder ersehnen den Stillstand der seriellen Wiederholung, die doch Urquelle und Ziel unseres Begehrens ist.
Es geht uns um die rätselhafte und seltsame Macht eines Objekts, das gleichsam alle Objekte der Befriedigung ersetzen und von diesen sich "loslösen" könnte: das absolute Gute des Guten und der Güter. Jede Ethik des höchsten Gutes, mag dieses als enthaltsame Tugend oder als utilitaristisches Glück bestimmt werden, ist das haltlose Werbeversprechen, das Begehren durch Befriedigung ersetzen zu können. Anders gesagt: Das Paradies vollkommener Glückseligkeit ist der Wunsch nach vollendeter bzw. vollendbarer Wunschlosigkeit: Zeichen der tödlichen Harmonie, die nur als erzwungene imaginierbar scheint.
Doch weil es das absolute Ding bzw. das Ding als absolute Antwort nicht gibt, erfinden wir endlose Ab-Bilder von Ur-Bildern, mit und in denen wir der mephistophelischen Haltlosigkeit des Begehrens Einhalt gebieten: Fetischobjekte des Anderen, in denen uns seine Fremdheit verfügbar scheint. Doch die unvordenkliche Gabe des Anderen maskiert sich nur in all den substituierbaren und fetischisierbaren Objekten der Waren-Zirkulation und geht doch in keiner Rechnung auf, widersteht seiner vollständigen Identifizierbarkeit. Eben weil der Fetisch als nicht- identischer (gesichtsloser) Ersatz bzw. Maske für anderes steht und also auf die uneigentliche oder unwahre Ersetzbarkeit der begehrten Objekte verweist, bekundet er das endlose Spiel der Verstellung, das er zugleich in partialen und partiellen Gegenständen zu verkörpern wähnt. Er markiert also die Differenz zwischen der Befriedigung und ihren Ersatzbildungen, und nimmt gleichzeitig letztere für die bare Münze, die ihm heilig ist.
Das Wahre ist also im Fetisch der Ware symptomatisch geworden. Doch Symptome sind Schicksale des Triebes, nicht er selber.

"Der verdrängte Trieb gibt es nie auf, nach seiner vollen Befriedigung zu streben, die in der Wiederholung eines primären Befriedigungserlebnisses bestünde: alle Ersatz-, Reaktionsbildungen und Sublimierungen sind ungenügend, um seine anhaltende Spannung aufzuheben, und aus der Differenz zwischen der gefundenen und der geforderten Befriedigungslust ergibt sich das treibende Moment, welches bei keiner der hergestellten Situationen zu verharren gestattet, sondern nach des Dichters Worten ungebändigt immer vorwärts dringt (Mephisto im 'Faust', 1, Studierzimmer)"
S. Freud, Jenseits des Lustprinzips, GW XIII, S. 44 - 45
Dieses - unhaltbare und uneinholbare - Moment des Triebes, welches Freud als den Ersatz bzw. das Jenseits der Befriedigung zu denken eröffnete, erlaubt zugleich eine Distanznahme zum unbemerkten Fetischismus gängiger Fetischismuskritik: Denn diese unterstellte - als Mythos der Kommunion wie des Kommunismus - ,es gäbe ein von Vorstellungen und Verdinglichungen losgelöstes Eigenes, Eigentliches oder Wahres. Wie wir inzwischen wissen, ist im Namen solcher vom Geld- und Warenfetisch angeblich befreiten "absoluten Gemeinschaft mit sich selbst" nur der totalitäre Schein einer verordneten Befriedigung wirkmächtig geworden. Der Ersatz läßt sich nicht ersetzen. Christoph Tholen
s. Objekt s. Ding