glossar : f
 
Fälschung s. Original
 
Fake - Fälschung - Täuschung Richtig verstandene Aufklärung kann sich nicht einbilden, Menschen von ihren Vorurteilen zu befreien. Sie zielt darauf ab, uns Einsicht in unsere Abhängigkeit zu ermöglichen - Abhängigkeit von Bedingungen des Lebendigseins, über die wir nicht frei verfügen können. Das Ensemble dieser Abhängigkeiten beschreibt man als die Natur des Menschen. Dieser Natur auf die Sprünge zu kommen, experimentierten Künstler und Wissenschaftler mit mutwilligen Täuschungen, deren Ziel es war, aufzuklären, welchen Täuschungen wir unterliegen: zum Beispiel optischen Täuschungen, gedanklichen Täuschungen in Formen des Bildermimikrys oder der Begriffsschauspiele.
Niederländische Maler des 17.Jahrhunderts entwickelten die Gattung der Trompe l’oeuils (Augentäuschungsbilder) zur Perfektion, die immer zugleich dem Betrachter die Täuschung und das Durchschauen des Getäuschtwerdens zu erkennen und zu genießen erlaubten. Aufklärung über unsere Vorurteile ist also immer zugleich als Demonstration der Täuschung und erkenntnisstiftender Enttäuschung angelegt; deswegen ist man sehr häufig enttäuscht über das, was banalerweise herauskommt, wenn man Täuschungen durchschaut.
Am Beispiel der Lüge, als vorherrschender Form unumgänglicher Täuschung, läßt sich das klarmachen: Wenn es auch nicht wahr ist, so ist es gut gelogen, so weit sich die Lüge als Lüge zu erkennen gibt. Zu lügen ist die einzige Möglichkeit, die Unterscheidbarkeit von wahr und unwahr aufrechtzuerhalten. Wer bewußt lügt, gibt damit dem aufklärerischen Impuls nach, die Unterscheidung von wahr und falsch in sein Kalkül zu nehmen. Das wird den Lügnern als Fälschern nicht zugestanden; sie gelten als gefährlich, weil sie Unterscheidung von Original und Nachahmung zerstören.
Dieser Vorwurf ist aber abzuschwächen, weil er nur gegenüber schlechten Fälschern bestätigt werden kann. Der leistungsfähige Fälscher kann als solcher nicht entdeckt werden, also ist er auch keiner und kann als solcher nicht anerkannt werden. Das widerspricht dem natürlichen Verlangen nach Anerkennung des Menschen, also müssen sich von Zeit zu Zeit große Fälscher ihre Anerkennung sichern, indem sie sich als solche zu erkennen geben, wodurch sie damit nicht länger als Fälscher tätig sein können.
Fakes sind Fälschungen, die darauf abzielen, als solche erkannt zu werden, um unsere
Wahrnehmung noch der minimalsten Differenzen zwischen Original und Nachahmung zu schärfen - allerdings unter der anspruchsvollen Voraussetzung, daß es für sie keine Originalvorlagen gibt, sondern daß der Fälscher eine originale Fälschung leistet, also doch ein Original und keine Fälschung produziert. Besonders erhellend sind die häufig vor Gericht zu klärenden Fragen der Selbstfälschung: Künstler X aus NRW wird der Fälschung bezichtigt, obwohl er originale X-Werke hergestellt hat. Er stellt sich als nicht so bedeutender Künstler heraus, wo er sich selbst nicht zu fälschen vermag, ohne daß die Fälschung erkannt wurde.Bazon Brock
 
Fake Günter Paul - Piltdown-Mensch entschleiert - Museumskurator als Urheber des Streichs entlarvt / Chemische Beweise
Im Dezember 1912 wurde während eines Treffens der Geologischen Gesellschaft in London den staunenden Wissenschaftlern ein außergewöhnlicher Schädel präsentiert. Er ähnelte im wesentlichen demjenigen eines modernen Menschen, hatte aber einen Unterkiefer, der Merkmale eines Affen aufwies. Der englische Rechtsanwalt und Amateur-Fossiljäger Charles Dawson, der dem Britischen Naturkundemuseum in London hin und wieder einzelne vorgeschichtliche Funde brachte, hatte den Schädel zusammen mit fossilen Tierknochen bei Piltdown in der Grafschaft Sussex entdeckt. Ersten Untersuchungen zufolge stammte das Material aus dem Pliozän, war also älter als der fünf Jahre vorher geborgene Unterkiefer des Homo heidelbergensis aus dem Pleistozän, das vor 100 00.0 Jahren begann. Der Paläontologe Arthur Smith Woodward vom Britischen Naturkundemuseum präparierte den Schädel von Piltdown und stellte ihn der Öffentlichkeit vor.
Schon bald verdichtete sich der Verdacht daß der Piltdown-Mensch nur ein Schwindel war. Jemand hatte den Schädel eines modernen Menschen mit dem Unterkiefer eines Orang-Utans kombiniert und zusammen mit fossilen Tierknochen im Erdreich vergraben - dort, wo Dawson nach vorgeschichtlichen „Schätzen" suchte. Genauere Analysen im Jahr 1953 ließen keine Zweifel mehr zu, daß die menschlichen „Fossilien" mit Chemikalien auf alt getrimmt waren. Im Laufe der Zeit wurden fast alle Personen, die mit dem Schädel zu tun gehabt hatten, als Urheber des Streichs verdächtigt: Mal war es Dawson selbst oder Woodward, mal Teilhard de Jardin, der bei einem Teil der Grabungen zugegen war. Auch Arthur Connan Doyle stand zur Diskussion, der nicht weit vom Fundort entfernt wohnte. Schließlich glaubte man, den Schuldigen nie mehr finden zu können.
Doch dann kam Mitte der siebziger Jahre auf dem Dachboden des Britischen Naturkundemuseums eine verstaubte Reisetasche zutage, die nun zusammen mit anderen Indizien die Aufklärung gebracht hat. Die Reisetasche enthielt, wie eine erste Inspektion ergab, Hunderte von Fläschchen mit Nagetierpräparaten („Nature", Bd. 381, S. 261). Sie trug die Initialen Martin A. C. Hintons, der zur Zeit des Piltdown-Streichs Kurator in der biologischen Abteilung des Museums und Fachmann für fossile Nagetiere war. Auf fossile Nager ist auch der an dem Museum beschäftigte Andrew Currant spezialisiert, der die Tasche später an sich nahm. Und Currant fand unter den Präparaten eine Sammlung von alten Tierknochen und -zähnen, die von der Verfärbung und der Oberflächenstruktur her - sie alle waren aufgerauht - genau den Piltdown-Fossilien glichen. Zusammen mit Brian Gardiner, einem Paläontologie-Professor am King's College in London, der Hinton schon lange des Streiches verdächtigt hatte, untersuchte er in den vergangenen Jahren das Material und stieß dabei auf die entscheidenden Spuren. Die beiden Forscher fanden sowohl in den Piltdown-Fossilien als auch in jenen aus der Reisetasche außer den bereits 1953 nachgewiesenen Eisenoxyden Spuren von Manganoxyden und Chrom, und zwar im gleichen Verhältnis. Dies bestätigte den Verdacht, daß Hinton, der ehemalige Besitzer der Reisetasche, den Scherz ausgeheckt hat. Hinton hatte im übrigen schon 1899 im Alter von 16 Jahren - eine wissenschaftliche Arbeit darüber veröffentlicht, wie alte Knochen in Flußgeröll bei langer Lagerung Eisen und Mangan aufnehmen und sich dadurch bräunlich verfärben. ... Auf ein weiteres Mosaiksteinchen stießen Currant und Gardiner, als sie im Jahr 1991 mit Robert J. G. Savage, seinerzeit Geologie-Professor an der University of Bristol, über die Zähne sprachen. Savage gab ihnen daraufhin ein Glasröhrchen aus Hintons Sammlung, das acht verschieden eingefärbte menschliche Zähne enthielt. Offenbar hatte Hinton zunächst Präparationsversuche unternommen bevor er die endgültigen Fossilien" herstellte und vergrub.
Unklar bleibt, ob Dawson, der die Knochen entdeckte, von dem Scherz gewußt hat. Was Hinton zu seinem Treiben motiviert hat, läßt sich zumindest vermuten. Hinton hatte bei Woodward im Jahr 1910 eine Ferienarbeit bekommen wollen, die dieser ihm auch gewährt hätte. Daraus wurde aber nichts, weil sie sich nicht über die Bezahlung einigen konnten - letztlich mit der Folge, daß der Fossilienfreund Hinton nie in die Paläontologie kam, sondern zeit seines Lebens in der Biologie blieb. Hinton ließ Dawson die präparierten Knochen entdecken, weil dieser keine geologischen Kenntnisse hatte. Es 14g nahe, daß Woodward der Begutachter des Materials sein würde. Dieser hätte das Ganze mit ein wenig Nachdenken als Schwindel erkennen müssen. Hinton hatte die Knochen nämlich bei Piltdown vergraben, weil das dortige Erdreich unter Kennern als fossilienfrei galt.
Fetisch Ein Glanz auf der Nase, Stiefeletten, ein Muttermal auf der Schulter,Stöckelschuhe,Satinunterwäsche, Latex, Lackmäntel usw. usw... Wenn eine bestimmte Eigenschaft am Sexualobjekt oder die Anwesenheit eines bestimmtem Gegenstands die unabdingbare und meist zureichende Bedingung ist, damit der Geschlechtsakt vollzogen werden kann, so hat dieses Ding die magische Macht eines Fetischs und wird wie ein solcher gehegt und verehrt. Freuds Patient, dessen aus ersten Kinderzeiten stammender Fetisch ein „Glanz auf der Nase“ war, hatte in seiner Kindheit englisch gesprochen, und so erwies sich der Glanz eigentlich als ein „Blick auf die Nase“ (glance). Er wollte schlicht die Nase sehen, aber eine mit einer ganz besonderen Eigenschaft ausgestatteten. Die Nase steht (auch im populären Verständnis) für den Penis wie nach Freuds Behauptung jeder Fetisch, doch das Besondere an diesem hochbedeutsamen Gegenstand ist : „der Fetisch ist der Ersatz für den Phallus des Weibes (der Mutter), an den das Knäblein geglaubt hat und auf den es - wir wissen warum - nicht verzichten will“(Fetischismus, 1927)
Die Fetische im Sexualleben erfüllen damit die großartige Funktion der Verleugnung eines Wissens um die Penislosigkeit der Frau, das der Kastrationsangst Nahrung gibt. Fetische eignen sich entweder durch ihre Gestalt als Penisersatz -spitze Schuhe, hohe Absätze - oder vertreten die letzten Hüllen oder Formen, die vor der Entblößung des weiblichen Genitales die Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben (oft aus der Kinderperspektive von unten), Füße, Strümpfe, Unterwäsche. Pelzwerk usw.
Fetische sind zu haben, man kann sie sich besorgen. Vielleicht kauft man sie im Museumsshop, um sich vor der traumatischen Begegnung mit der ausgestellten Kunst zu schützen. Mit Hilfe dieser Gegenstände kommt man dann, gewappnet gegen etwas Unerträgliches, das entblößt werden könnte, doch zu einem Genuß.
Jutta Prasse
Fluxus Das Leben ist auf allen Ebenen ein kontinuierlicher Prozeß: als Bewußtseinsstrom, als Altern, als Rund-um-die-Uhr. Heraklit entwarf das Bild des Lebensstroms, des 'Flux' und 'Flow'. Selbst im Schlaf können wir aus diesem Strom nicht aussteigen, unser Zentralnervensystem prozessiert kontinuierlich weiter, solange wir noch lebendig sind. Aus den Eigendynamiken des Stroms in seinem Bette des Impulsgeschehens zwischen den Neuronen entstehen kleine Wirbel, die der Fließrichtung scheinbar entgegenstehen - stehende Wirbel, scheinbar diskrete Formen im Kontinuum.
Jüdische Denker formulierten dieses diskrete Wirbeln als ein Kreisen der Gedanken (dem Pulpil), englische Literaten um Ezra Pound organisierten ihren Rede- und Schreibfluß als vortezistische Strudel. Fluxus-Künstler der sechziger Jahre organisierten Treibgut der Wort- und Bildkommunikation zu kleinen Materialhaufen, wie sie in strudelnden Flüssen beobachtet werden können. Sie alle glaubten nicht, daß man aus dem Strom aussteigen könnte, ans sichere Ufer der Dauer von Werken und Taten. Sie mußten die Konzepte geschlossener Werkeinheiten, die dem kontinuierlichen Wandel entzogen werden könnten, aufgeben. Nur zeitweilig läßt sich in den Treibgutanhäufungen herumstochern, um zu sehen, was der Strom des Lebens mit sich führt; indem man nachschaut, löst sich die zusammengestrudelte Assemblage auf, um im nächsten Strudel eine andere Konstellation des Treibguts zu bilden.
Der Fluxeumsgründer und Shopartikelproduzent Michael Berger (Harlekin) organisiert nach dem Beispiel von Fluxuskünstlern Warenströme, die er durch seine Sammlungsräume lenkt, um so aus ihnen zusammengestrudelte Werkteile abzuschöpfen. Sie gibt er als Fluxusobjekte zweiter Ordnung in die reissende Alltagskommunikation hinein, um zu beobachten, wie sich die Waren im Gebrauch selbst auflösen. Tinguely assemblierte heterogenes Material zu Pseudomaschinen, die ihre Funktionstüchtigkeit darin bewiesen, sich selbst zu zerstören. Das Diskrete ist für den Fluxuskünstler nicht außerhalb des kontinuierlich fließenden Prozesses des Wandels behauptbar, sondern nur innerhalb des Prozesses als Figur der Fließdynamik bedeutsam.
 
Freier Eintritt Die Einhebung einer Eintrittsgebühr ist - neben der Regelung der Öffnungszeiten -, das wichtigste Instrument der sozialen Distinktion. Während früher die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stand, die Kontingentierung der Besucher in Gruppen, Kleider- und Verhaltensvorschriften sowie Öffnungszeiten (u.a.m.) soziale Unterschiede definierten und sortierten, ist davon heute wesentlich die bezahlte Eintrittskarte der Legitimationsausweis für die Benurtzung öffentlicher Sammlungen.
Während unter dem Druck der 'Privatisierung' von Museen, die Erhöhung der Gebühren wie ein natürlicher und konsequenter 'Marktregulierungsmechanismus' erscheint, zeigt der Blick nach England, speziell auf die Londoner Museen, daß es auch ganz andere Haltungen und Praktiken gibt.
Der hinhaltende, z. T. offen und seitens der Museumsleitungen (der Direktor immerhin des British Museum argumentierte ganz und klar aufklärerisch und mit expliziter Berufung auf die Französische Revolution - und deren Museumsgründungen und -konzepte) polemisch geführte Widerstand gegen eine staatlich verordnete Einschränkung und Aufhebung des alten Rechtes auf freien Zutritt mündete in manche Kompromisse wie z. B. die Einhebung freiwilliger spenden. Aber jetzt können die Museen einen Erfolg verbuchen. Anfang 2002 versprach Premier Tony Blair mehrere Millionen Pfund aus dem Budget freizugeben, um den freien Eintritt in den Museen zu ermöglichen. gf
Frenkel, Vera In der Tschechoslowakei geboren. Aufgewachsen in England. Lebt und arbeitet in Toronto. 1989 Canada Council Molson Price. Gershin Iskowitz Price 1993. Professur am Departement of Visual Arts York University.
Messiah Speaking London 1991
Raincoats, Suitcases, Palms Art Gallery York University 1993
...From the Transit Bar documenta 9 1992 Body Missing 1994 Offenes Kulturhaus Linz "Andere Körper" und 1996 ebenda. 2001 Galerie Kargl, Wien
Body Missing
 
Freud als Sammler Der Erfinder der Psychoanalyse war ein leidenschaftlicher Sammler antiker Kunstgegenstände ägyptischer, griechischer, römischer und nahöstlicher Provenienz.
Sein Arbeitszimmer und sein Behandlungsraum waren damit vollgestopft, und auf seinem Schreibtisch stand ihm wie ein schweigendes Auditorium eine dichte Schar von Statuetten gegenüber.
Als er 1938 Wien für sein letztes Lebensjahr im Londoner Exil verließ, gelang es ihm nach langem Bangen, von den Nazibehörden die Erlaubnis zu erwirken, seine Sammlung vollständig mit sich zu führen.
Freuds Sammelstücke waren ihm höchste „Erquickung“, wobei er nie verhohlen hat, daß psychoanalytisch gesehen das Sammeln auf frühkindliche Erotik zurückgeht. Passenderweise hieß der Wiener Antiquitätenhändler, der Freud die meisten Objekte besorgte, Lustig. Immer wieder hat Freud aber auch auf die Ähnlichkeit des archäologischen Verfahrens mit seiner Methode hingewiesen und diese wiederum auf die Analyse von Kunstwerken und Künstlern angewandt (Michelangelo, Leonardo).
Die Anfänge der Freudschen Sammlung sind aus dem Museumsshop: 1896 erwarb er nach dem Tod seines Vaters in Florenz Druckreproduktionen von Kunstwerken und einige Gipsabgüsse, darunter Michelangelos „Sterbenden Sklaven“. Ein Jahrzehnt später konnte er sich dann „echte“, das heißt antike Objekte leisten, die aber auch oft bereits Kopien früherer Originale waren .
Doch bis zuletzt schmückte ein moderner Abguß des Reliefs der „Gradiva“ die Wand seines Behandlungszimmers. Ein solcher Abguß hatte in der von Freud zum Beweis der Analogie von psychoanalytischen und dichterischem Wissen aufgegriffenen Erzählung Jensens die archäologische Träumerei seines Helden ausgelöst.
Jutta Prasse
Fundsachen Raffael Rheinsberg: Museum Sophienblatt. Fundsachen