glossar : h

 
Heiliges; Heiligtum s. Gedächtnisort s. Tempel
Heimatmuseum Die Heimat steht wieder hoch im Kurs, nicht, um unerfüllte Wünsche der Kindheit zu erinnern, zu übersetzen und eventuell doch noch zu realisieren, sondern um das, was der Realisierung dieser Wünsche immer im Wege stand, als Gegenstand neuer Identifizierung zu etablieren. So wird Heimat nicht analysiert, sondern erlebt als das, was sie in ihrer Postkartenrealität immer war: als Folklore. Daß damit auch die schwierige Arbeit der Rekonstruktion der Geschichte endlich aufgegeben werden kann, um sich Geschichtchen aus dem Alltagsleben zuzuwenden, entspricht der Logik des Abschieds von der Arbeitsgesellschaft. Geschichtswerkstätten heißen die neuen Heimatmuseen, die, anstelle Geschichte zu erarbeiten, das Alltagsleben der Vorväter wie im Trödelladen als Ensemble von Bruchstücken vorführen. Das heißt nicht, daß die individuelle wie kollektive Geschichte uns nicht in Bruchstücken begegnet, in Bruchstücken erinnert wird.
Es ist aber ein Unterschied, ob man die Bruchstücke romantisch verklärt, mit Heimweh füllt, sozusagen einem Paradies nachhängt, das es niemals gegeben hat und dessen Deckerinnerung nur zu oft dem Terror entstammt, oder ob man die Bruchstücke benutzt, Geschichte zu rekonstruieren, um einen Ausweg zu finden. Es ist ein Unterschied, ob man Bruchstücke scheinbar gleichwertig nebeneinanderstellt, aus bestialischen Zeiten und friedlicheren, weniger zerstörerischen Zeiten, oder ob man sie als eben das liest, was sie historisch repräsentieren.

Kurnitzky: Der heilige Markt. Frankfurt 1994, S.120f.
 

„Jedes fünfte Museum in Österreich führt den Begriff ‚Heimat‘ im Namen.“

Gabriele Rath

„Deine Sammelstücke sollen nur aus der Heimat stammen und der Heimat dienen.“

Ferdinand Wiesinger, aus: Heimatgaue. Zs.f. OÖ Geschichte, Landes- und Volkskunde, 9/1928
 
Heterotopien „Es gibt einmal die Heterotopien der sich endlos akkumulierenden Zeit, z. B. die Museen, die Bibliotheken. Museen und Bibliotheken sind Heterotopien, in denen die Zeit nicht aufhört, sich auf den Gipfel ihrer selber zu stapeln und zu drängen (...) Doch die Idee, alles zu akkumulieren, die Idee, eine Art Generalarchiv zusammenzutragen, der Wille, an einem Ort alle Zeiten, alle Epochen, alle Formen, alle Geschmäcker einzuschließen, die Idee, einen Ort aller Zeiten zu installieren, der selber außer der Zeit und sicher vor ihrem Zahn sein soll, das Projekt, solchermaßen eine fortwährende und unbegrenzte Anhäufung der Zeit an einem unerschütterlichen Ort zu organisieren – all das gehört unserer Modernität an. Das Museum und die Bibliothek sind Heterotopien, die der abendländischen Kultur des 19. Jahrhunderts eigen sind.“ Michel Foucault
 
Historie "Historie ist (in vorbürgerlichen Kulturen; G.F.)...immer die den Zusammenhang des eige-nen Seins wahrende Mnemosyne, das Erinnern, in dem gegenwärtig bleibt, was zur Gegenwart als ihre eigene Größe und ihr eigenes Geschick gehört. Wo daher kein Band Gegenwart und Vergangenheit verknüpft und ein Vergangenes nichts mit dem Gegenwärtigen gemeinsam hat, wird es zum Gleichgültigen und Toten. Wenn die Götter gestorben sind und der Glaube, der sie ehrte, nichts mehr ist, dann werden auch die Tempel, die ihnen gehörten, aus einem denkwürdigen Schönen zu bloem Gestein und Gemäuer. Eine andere geschichtliche Welt vermag sie nur als das Ding zu nehmen, dem kein Geist mehr einwohnt. Joachim Ritter
 
Historismus (1) "Der Historismus ist der philosophische Sonntag der imperialistischen Woche und sein Museum ist der bürgerliche Tempel."
Peter Sloterdijk, 1988
Historismus (2) „Im 19. Jahrhundert entstehen neue Inszenierungsformen von Erinnerungsräumen. Dabei spielt das historische Museum eine besondere Rolle, das noch die pseudosakralen Komponenten des Ruhmestempels, des Pantheons, in sich aufnimmt (...) Das räumliche Neben- und Nacheinander sollte dem Betrachter das Abschreiten von Geschichte, die panoramatische Überschau über die Vielheit der Epochen als Einheit der Geschichte ermöglichen. Im Bildersaal der Geschichte wird die Zeit zum Raum, genauer: zum Erinnerungsraum, in dem Gedächtnis konstruiert, repräsentiert und eingeübt wird. Neben dem Aufschwung von Museen, die Nationalgeschichte präsentierten, und Historiendramen, die sie inszenierten, kam es zu einem sprunghaften Ansteigen der Zahl von Denkmälern, die Lokalgeschichte vergegenwärtigten.“ Aleida Assmann