glossar : k

 
Kinkerlitzchen Kinkerlitzchen: Nichtigkeiten, Albernheiten, Flitterkram.
Kinkerlitzchen glitzern nicht für jeden. Vor allem (aber nicht nur) auf kleine Kinder scheinen sie eine magische Anziehungskraft auszuüben.
Schaue ich in das Zimmer meiner Töchter, so finde ich Porzellantiere in Miniaturformaten, quietschende Gummikühe, einen Eiffelturm auf Marmorsockelimitat, einen Sarkophag als Bleistiftbehälter. Diese Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Man findet sie nicht nur in den sogenannten Andenkenläden der Touristenorte sondern kann in jedem Kaufhaus fündig werden.
Kinkerlitzchen kosten etwas, nicht unbedingt viel. Da Kinkerlitzchen zumeist kleine Gegenstände sind, kann man sehr viele davon kaufen. Sie verschwinden buchstäblich in den Untiefen der Regale und Schränke.
Es scheint als hätten die Kinder sie vergessen. Bricht der Porzellanschildkröte unter dem Bücherberg jedoch ein Bein, so treiben uns die Tränen der Kinder zu einer komplizierten Reparatur einer Nichtigkeit.
Petra Schütz
Kinkerlitzchen (von frz. la quincaillerie, „Eisen- und Kurzwaren, Eisen- und Werkzeughandel“) ist im Volksmund die Bezeichnung für ein wertloses Schmuckstück. In der Umgangssprache wird Kinkerlitzchen allgemein für ein Produkt oder eine Sache verwendet, die als albern, nichtig, unnötig oder sogar unsinnig abgewertet werden soll. Außer in der Bedeutung von Nichtigkeiten und Flitterkram wird das Wort auch im Zusammenhang mit Albernheiten und verrückten Gedanken gebraucht, die jemand im Kopf hat.
Auch durchaus nötige Kleinigkeiten, die kostenmäßig jedoch (auch in ihrer Summe) nicht ins Gewicht fallen, werden als Kinkerlitzchen abgetan, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Kitsch Streichholzschachtel in Form eines Kreuzfahrergrabes. Um 1850. Abb. aus: Christoph Asendorf: Batterien der Lebenskraft. Zur Geschichte der Dinge und ihrer Wahrnehmung im 19. Jahrhundert. Gießen 1984
Konservieren (1) "Deshalb, denn es ist nötig, daß einer unter uns ein Beispiel gibt, habe ich mich dazu entschlossen, mich an ein Projekt zu machen, das mir seit langem am Herzen liegt: Sich vollständig erhalten, von allen Momenten unseres Lebens eine Spur aufbewahren, von allen Gegenständen, die an uns vorbeiziehen, von allem was wir gesagt haben und was um uns herum gesagt worden ist, das ist mein Ziel." Christian Boltanski. - Boltanski und Jean Le Gac in: Christian Boltanski, Jean Le Gac: Fac-Similes, Documents, Origineaux, Ecrits. Ausst.Kat. Musée Rude, Dijon 1973
Konservieren (2) Melancholie des Weißen : Wohin mit dem Übriggebliebenen / den unerwünschten stinkenden Resten / da das Neue so vieles verspricht? / Wegräumen, zurücklassen, vergessen? / was richten die Dinge aus / im Laufe der Zeit? / Mag sein, sie singen, / doch wer hört hin?
Renate Herter: Angehaltene Zeit. Werkprozeß. 105 Fundstücke, gesammelt in den ehemaligen Räumen des VEB Berlin-Kosmetik, vernäht mit weißen Lakenstoffen, Installation Milchhof Berlin 1993

 

 
Konservieren (3) Während der hochfürstliche Mohr Angelo Soliman noch auf altmodische Weise wie ein Tierbalg ausgestopft wurde, tauscht der deutsche Arzt und Erfinder der Plastifikationsmethode Gunther von Hagen die gesamte Flüssigkeit des Körpers durch Kunststoff aus. Der Körper bleibt haltbar, elastisch, riecht nicht, ist nicht toxisch, verwest nicht und läßt sich berühren. Absolute Hygiene.
Der Höhepunkt des Befremdens ist erreicht, hält man das plastifizierte Gesicht einer Frau mit geschlossenen Augen in Händen. Die Totenmaske wird nicht mehr abgenommen, der Körper selbst ist sich sein konserviertes Double. Das Gesicht – Spiegelbild zur ersten Subjektkonstitution in jedem Menschenleben – gerät zur verschlingend realen Fratze.
Die Nachfrage, sich auf solche Weise plastifizieren zu lassen, steigt. Vorteilhaft für die Verewigung ist dabei körperliches Training zu Lebzeiten, weil die Leiber – ganz oder in Teilen – nach dem Tod ohne Kleidung und zum Teil auch ohne schützende Haut präsentiert werden.
Hier wird nichts in Mumiensärgen verborgen und unter Kostümen verdeckt. Der Tod verschwindet in seiner Allgegenwart. Wer zum Plastifikationsmenschen mutierte, ist dazu verdammt, in alle Ewigkeit sichtbar zu bleiben. Was fortan geschieht, obliegt der Sensibilität derer die ihn fortan als Schau- und Demonstrationsobjekt benutzen.
Nicht jedes und jeder aber kann überhaupt wählen zwischen Konservierung und Nichtkonservierung.
Eva Sturm
 
Konservieren (4) Sub specie aeternitatis fällt alles der Lächerlichkeit anheim, umso mehr, als eitler Anspruch versucht, sich im Konservieren vor der Unausweichlichkeit des Verfalls zu retten. Was solle Hegels Werke in 20 Würsten chronologisch geordnet und mit Originaletiketten versehen, am Fleischerregal dem Vetrocknen ausgesetzt, anderes beteuern als: Diese Wahrheit ist gegessen, will endlich vertilgt, verdaut und dann geschissen und weggespült werden? Diese Wahrheit hat ein Ablaufdatum, will geschält und aufgeradelt werden, dient bestenfalls noch als Brotbelag.Wenn nicht, so möge sie verrotten, den Maden ist sie allemal noch gut genug.
Markus Mittringer. Der Standard. 9. Juni 1998
Dieter Roth: Gesamtwerk Georg Wilhelm Friedrich Hegels in 20 Würsten. 1974
 
Konservieren Speicher
 
Künstler s. Duchamp
Künstlermuseum In den künstlerischen, auf das Museum bezogenen Praktiken seit den 70er-Jahren, wurde die Hierarchie des Sammelwürdigen und kulturell Wertvollen durcheinandergeworfen und andrerseits die Beschäftigung mit dem Alltäglichen und Massenhaften, dem Banalen und Trivialen, dem Nicht-Außergewöhnlichen aufgewertet. Die neuen Umgangsweisen kritisieren indirekt oder offen - Broodthaers Musée des Aigles mag als eines der bedeutendsten Beispiele genügen -, das Museum als Ort kultureller Signifikanz, Ordnung, Beispielhaftigkeit und Repräsentativität kollektiver Prozesse.
In der Zuwendung zum Museum steckte aber auch eine Selbstbezweiflung der Kunst und der Rolle des Künstlers - "das Museum erscheint manchen [Künstlern] nun als letztes Werk, das nach dem Ende der Kunst-Werke noch zu bearbeiten bleibt". Klaus-Ulrich Giersch: Extension und Intensitäten. Untersuchungen zur rezeptiven Struktur künstlerischer Arbeit im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts. Berlin 1987, S.45
Es wird auf die Privilegiertheit der spezifischen künstlerischen Arbeitsweise verzichtet und die Herstellung des Artefakts tritt zugunsten von dessen Arrangement und Kommunikation in den Hintergrund.
Aber, wie gerade das genannte Beispiel des Musée des Aigles zeigt -: "Der Verzicht auf die Produktion von Symbolen ist ja schließlich selbst als eine symbolische Handlung zu begreifen."
Walter Grasskamp: Künstler und andere Sammler, in: Kunstforum International, Bd.32, 1979, S.49
Kunstvermittlung s. Animation Joseph Beuys:
Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt
Galerie Schmela, Düsseldorf 1965
 
Kunstwerk s. Autonomie s.Duchamp “Über das Dinghafte am Werk kann nie befunden werden, solange sich das reine Insichstehen des Werkes nicht deutlich gezeigt hat. Doch ist das Werk jemals an sich zugänglich? .... Aber dahin geht doch schon das eigenste Absehen des Künstlers. Das Werk soll durch ihn zu seinem reinen Insichselbststehen entlassen sein. Gerade in der großen Kunst, und von ihr allein ist hier die Rede, bleibt der Künstler gegenüber dem Werk etwas Gleichgültiges, fast wie ein im Schaffen sich selbst vernichtender Durchgang für den Hervorgang des Werkes.” Martin Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerkes. Mit einer Einführung von Hans-Georg Gadamer Stuttgart 1995, S. 9
 
Kunstwerk, 'sprechenendes' “Das Kunstwerk redet nicht, es schließt uns nur den Mund auf, und wenn es ‚spricht’, dann mit den Worten, die wir stellvertretend für unser Erleben setzen, mit Worten also, die wir ihm in den Mund legen.” Werner Hofmann, Die Grundlagen der modernen Kunst, Stuttgart 1987, Einleitung, S. 42-43
s. Duchamp
 
Kultur Kultur ist die Gesamtheit von symbolischen und strukturierten Haltungen, Normen und Praktiken, durch die Gruppen Erfahrungen sammeln, sich äußern und handeln in Antwort auf ihre eigenen gesellschaftlichen Beziehungen. H.Medick: Plebeian culture in the transition to capitalism; in: R.Samuel u. G.S.Jones (Hg.): Cultutre, ideology and politics. London 1982, S.84
Kunstmuseum (1) "Alles, aber auch alles in diesen bürgerlichen Tempeln, in denen die bürgerliche Gesellschaft deponiert, was sie an Heiligstem besitzt, nämlich die ererbten Reliquien einer Vergangenheit, die nicht die ihre ist, in diesen heiligen Stätten der Kunst, die einige Erwählte aufsuchen, um den Glauben an ihre Virtuosität zu nähren, während Konformisten und Philister hierher pilgern, um einem Klassenritual Genüge zu tun, alles in diesen ehemaligen Palästen oder großen historischen Wohnsitzen, denen das neunzehnte Jahrhundert imposante, oft im graecoromanischen Stil der bürgerlichen Heiligtümer gehaltene Anbauten hinzufügte, besagt schließlich nur das Eine: daß nämlich die Welt der Kunst im selben Gegensatz zur Welt des alltäglichen Lebens steht wie das Heilige zum Profanen." Pierre Bourdieu: Elemente zu einer soziologischen Theorie der Kunstwahrnehmung, in: ders: Zur Soziologie der symbolischen Formen. Frankfurt 1974, S.159ff., hier S.199
Kunstmuseum (2) Museen sind Gräber, und es scheint, daß inzwischen alles zu einem Museum wird. Malerei, Bildhauerei und Architektur sind am Ende, doch die Gewohnheit der Kunst besteht weiter. Die Kunst verfällt in immense Trägheit. Schweigen ist die dominante Tonart. Leuchtende Farben verbergen den Abgrund, der das Museum zusammenhält. Jedes Objekt ist ein Stück geronnener Luft oder erstarrten Raums.
Die Dinge verflachen und verblassen. Das Museum breitet seine Flächen überall hin aus und wird zu einer namenlosen Sammlung von Verallgemeinerungen, die das Auge lähmen.
„Some Void Thoughts on Museums", in: Arts Magazine, Jg. 42, Nr. 1, Oktober 1967.
 
Kuriosität s. Bedeutung