glossar : m
 
 
Musée d'Aigle The ordinary museum and its representatives simply present one form of the truth. To talk about this museums means speaking about the conditions of truth. It is also important to find out whether or not the fictional museum casts a new light on the mechanism of art, the artistic life, the society. I pose the question with my museum. Therefore I do not find it necessary to produce the answer.
Marcel Broodthaers in einem Interview mit Johannes Cladders, in: INK-Dokumentation 4, Zürich 1979, S.32
s. Broodthaers
Musée imaginaire André Malraux (Abbildung), Kunstsammler, Journalist und Kulturminister Frankreichs, hat unter dem Begriff des Musée imaginaire, von einer durch die Reproduzierbarkeit der Kunst ertr³umbaren globalen Verfügbarkeit der Kunstgeschichte phantasiert. Die virtuelle Verfügung über die Kunst aller Epochen und Regionen sollte das offensichtliche Ungenügen der Institution Museum, vor allem seine Unvollst³ndigkeit, überwinden und der Kunst eine Sphäre vollkommener, nur auf künstlerisch-ästhetische Werte gegründete Autonomie sichern.
Dieses Konzept - das der Verfügbarkeit der Kunst durch die im Museumsshop erworbene Reproduktion als eines bloßnoch symbolischen Besitzes eine Legitimation zu verschaffen scheint und das mit der Idee des Einschließens der Kunst hinter Museumsmauern bricht -, erscheint heute von Techniken der digitalisierten Bildspeicherung und -Übertragung gegenüber den begrenzteren Möglichkeiten der fotografischen Reproduktion unendlich gesteigert.
Für professionelle und popularisierende Strategien wird es längst eingesetzt - das Internet erlaubt auch den globalen Museumsrundgang im Weltmuseum. Aber im Begriff Museum war immer die Möglichkeit der virtuellen Sammlung - z. B. literarischer Gattungen -, war immer die Möglichkeit des Museums im Kopf, enthalten.
 
Musée sentimental Im Bario Gothico von Barcelona nahe der Kathedrale ist ein Museum, „Museo Federico Mares", in einem ehemaligen Feudalpalast eingerichtet. Dieses Museum, in dessen unteren zwei Stockwerken eine sehr schöne Sammlung katalanischer Madonnen- und Christus-am-Kreuz- Figuren untergebracht ist, ist gewissermaßen der Taufpate des Namens „Musee Sentimental", denn in meinem Notizbuch stand seit 10 Jahren eine Notiz, ich müsse mir im obersten Stockwerk das „Museo Sentimental" anschauen. Als ich dann an Ort und Stelle nachfragte, war es unter diesem Namen gar nicht bekannt."
"Ich sah, daß es aus einem Sammelsurium verschiedenartigster Gegenstände bestand, die ein noch heute lebender Bildhauer, eben Federico Mares, sein Leben lang gesammelt hatte: Zigarrenpapierringe, Blumendekorationen, Bierdeckel, Pfeifenköpfe, Votivgaben, sogar alte Nägel, sorgsam in Vitrinen verwahrt."
"Das oberste Stockwerk war meistens geschlossen; man mußte eine besondere Bewilligung verlangen, angeblich, weil es an Personal mangelte, in Wirklichkeit wohl, weil man sich dieser Sammlung von Banalitäten schämte und sie für nicht ausstellungswürdig befand. "
"Ein katalanischer Künstler, Antoni Miralda, hatte mich auf dieses merkwürdige Museum hingewiesen.
Warum er dies tat, liegt für solche, die mein Werk und besonders die Flohmarktobjekte darin kennen,
auf der Hand."
"Dieser kleine Abstecher in Biographisches ist ein notwendiger Verweis auf die eigene Sentimentalität, die zu weiteren „Musée Sentimental"- Projekten führte - ihr Ursprung sei hiermit preisgegeben.
Viel später wurde mir klar, daß dieses universale Sammeln von Beliebigem und scheinbar Banalem und Nebensächlichem, das Sammeln von allem ohne Unterschied von Bedeutung oder Wert eine besondere Wirkung hat."
"Der heutige Begriff von Museum ist spezialisiert und auf einzelne Sparten beschränkt, während er ursprünglich in etwa diesem allen entsprach eine Entwicklung, die der ehemalige Leiter des Kunsthistorischen Museums in Wien, Julius von Schlosser, zu Anfang des 20. Jahrhunderts aus den Kunst- und Wunderkammern der Spätrenaissance ableitet."

Daniel Spoerri: Einleitung zu: Le Musée sentimental de Cologne. Köln (Kölner Kunstveren) 1979
 
 
Museion Das museion wurde dann die den Musen geweihte Stätte, Kultstätte wo sie nun selbst gleichsam erinnert und - zum Beispiel durch Spiele, Wettkämpfe -, verehrt werden. Das Museion ist ein der Pflege der Erinnerung und des Ein-geden-kens an die konfliktreiche Geschichte der Zivilisa-tion gewidmete Stätte. Das Museion ist ein heiliger Ort, ein Opfer- und Weiheplatz und insofern auch einer, wo Weihe- und Opfergaben aufbewahrt werden können.
Ein museion ist jede Stätte, an der Musen verehrt wurden, sei dies eine Bergeshöhe oder ein Hain oder eine Grotte oder später dann an einem städtischen Ort. Ein solcher Ort war immer mit einem Altar, sehr selten mit einem Tempel ausgestattet. Der Begriff museion wird auch für das Opfer beim Musenkult verwendet und in weiter- und übertragener Bedeutung dann auch für Schulfeste und z. B. in Platons Phaidros für ein Schulbuch.
Musen Der Musenkult ist ursprünglich ein Fruchtbarkeitskult und die Musen sind Nymphen, Quellnymphen. Bergquellen war daher die 'edelsten Stätten des Musendienstes', in Pierien am Olymp, am Helikon, in Thespiaia oder am Parnaß bei Delphi.
Die Musen sind Töchter der Mnemosyne, der Gˆttin des Gedächtnisses, und des Zeus , sie werden also nicht nur mit ihrem Tun, sondern auch durch ihre Genealogie mit der Erinnerung und mit dem Gedächtnis verknüpft gedacht.
Ihr Mythos umreit die existentielle Situation des Menschen in der Antike: das Leben erscheint erst dann als bedeutend und sinnvoll, wenn es in die kollektive Erinnerung eingeht. Aus diesem Grund weist Odysseus die Unsterblichkeit zurück, die ihm Kalypso anbietet; ein sterbliches Schicksal, das erinnert wird, zieht er ruhmloser Unsterblichkeit fern von den Menschen vor. Transzendenz liegt für ihn nur in der Überlieferung. Sappho drückt dies so aus: "Mich haben die goldenen Musen wahrhaft gl¸cklich gemacht, denn ich werde, wenn ich gestorben bin, nicht dem Vergessen anheimfallen."
Raoul Schrott
 
Musenzimmer J. Amos Comenius: Orbis sensualium pictus. 1654. XCVIII. Museum - Das Kunstzimmer. - Museum est locus, ubi Studiosus, 2 secretus ab hominbus, solus sedet, Studiis deditus, dum lectitat Libros, 3 quos penes se super Pluteum 4 exponit, & ex illis in Manuale 5 Iuum optima quaeq; excerpit, aut in illis/Das Musenzimmer 1 ist ein Ort (Student) 2 wo der Kunstliebende abgesondert von den Leuten alleine sitzet/dem Kunstflei ergeben/indem er liset B¸cher/ 3 welche er neben sich auf dem Pult 4 aufschl‰get/ und daraus in sein Handbuch 5 das b‰ste auszeichnet/oder darinnen (...).
 
Museologie Museologie wird im weitesten Sinne verstanden als interdisziplinäre theoretische Erforschung des Musealphänomens, d.h. eines spezifischen Verhaltens des Menschen gegenüber dem materiellen Kultur- und Naturerbe. R. Schärer
Museumsbesuch (1)
 
 
Museumsbesuch (2) Museumsbesuch gegen depressive Stimmung
Wer unter depressiven Stimmungen leidet, sollte sich öfter einen Museumsbesuch leisten. Wie Wissenschaftler des Stockholmer Karolinska Instituts in einer Studie herausfanden, können Bilder über visuelle Stimulation das Wohlbefinden erheblich steigern. Das berichtet "lmpulse". Die Testpersonen hätten sich nach der Betrachtung von Bildern, die sie selbst ausgesucht hatten, deutlich glücklicher, zufriedener und ruhiger gezeigt als die Kontrollgruppe, die keine Kunst zu sehen bekam. Bei den Probanden sei außerdem der Blutdruck erheblich gesunken, Schmerz, Müdigkeit und der Verbrauch von Abführmitteln gingen zurück. Es seien zwar ausschließlich ältere Frauen getestet worden, dennoch könne man aus der Studie allgemeingültige Rückschlüsse ziehen.
 
Museumsbesucher s. Besucher
 
Museumskunst "Ich bin für eine Kunst, die etwas anderes tut als in einem Museum auf ihrem Arsch zu sitzen."
Claes Oldenburg
 
Museumsquartier "Es spielt nun keine Rolle mehr, ob das ursprüngliche Konzept verwirklicht wurde oder nicht. Das Museumsquartier ist Realität und damit Anlaß zur Freude."
Bundespräsident Thomas Klestil in seiner Eröffnungsrede des Museumsquartiers
 
Museum, als heiliger Ort "Die Unberührbarkeit der Gegenstände, die feierliche Stille, die sich des Besuchers bemächtigt, der asketische Puritanismus der spärlichen und unkomfortablen Ausstattung, die quasi prinzipielle Ablehnung jeder Art von Didaktik, die grandiose Feierlichkeit des Dekors und Dekorums, Säulen, weiträumige Galerien, verzierte Decken, monumentale Treppen innen wie außen, all das hat den Anschein, als solle es daran gemahnen, daß der Übetritt aus der Welt des Profanen in die des Heiligen eine, wie Durkheim sagt, »wahre Metamorphose« voraussetzt, eine radikale Bekehrung der Gemüter, daß die Kontaktnahme der beiden Welten »stets aus sich selbst heraus eine delikate Sache ist, die Vorsichtsmaßregeln und eine mehr oder weniger komplizierte Initiation erfordert«, ja daß sie »nicht einmal möglich ist, ohne daß das Profane seine spezifischen Merkmale verlöre, ohne daß es selbst in gewisser Weise und in gewissem Grade geheiligt würde«.
E. Durkheim, Les Formes élémentaires de la vie religieuse, Paris 1960, 6. Aufl., p. 55-56.zit.n. P. Bourdieu
s. Tempel
 
Museen, ausgefallene Der Philadelphia Inquirer veröffentlichte am 12. Februar 1995 eine Rangliste ausgefallener Museen, die von Weisman Travel Reports, einem Informationsdienst für Reiseveranstalter, zusammengestellt worden war.
Diese Liste (No. 1 - 8) wird hier wiedergegeben, erweitert (No 9ff.) um Museen, die nach Meinung des Autors und von Freunden und Bekannten wert sind, in dieses Ranking aufgenommen zu werden.
Die Reihenfolge stellt keine Wertung dar.
1. Mütter-Museum Philadelphia
2. Barbie-Museum (Barbie Doll Hall of Fame) Palo Alto, Kalifornien (August 2001:
The Barbie Doll Hall of Fame was sold to Mattel who plans to open a new museum
in El Segundo, CA, sometime in the future. In the meantime, any questions
regarding Barbie Dolls can be directed to former owner, Evelyn Burkhalter, c/o
Evelyn Burkhalter Enterprises, 545 Ramona Street, Palo Alto, 650/326-5841 or via
e-mail. )
3. Ausstellung für Internationale Freundschaft in Myoyangsan, Nordkora (das Museum zeigt Geschenke an die politische Führung des Landes)
4. Naturkundemuseum Bamberg. Abteilung für Tiere mit zwei Köpfen
5. Städtisches Museum Iquitos, Peru (verwesende Leichname)
6. Ausstellungshalle für kriminelle Handlungen der USA und Tschiang Kai-scheks in Tschungking, China
7.
Tribunal De La Santa Inquisicion Museum Lima, Peru

8. Museum of Menstruation and Women's Health, New Carrollton, Maryland
Ergänzung der Liste

9. Museum of Jurassic Technology, Los Angeles

10. Pathologisch-anatomisches Bundesmuseum im Alten Allgemeinen Krankenhaus, "Narrenturm", Wien

11. Nonseum Herrenbaumgarten

12. Gletschergarten Luzern

13. Pitt-Rivers - Museum Oxford

14. Hunterian Museum London
15. Karl-Valentin - Muäum München
 
 
 
Museen und ihre relative funktionale Autonomie "Museen sind in ihrer Arbeit und in ihrem Bestand nicht in direkter Weise auf Besucher an-gewiesen und umgekehrt: es gibt keine direkten Möglichkeiten des Publikums, Einfluß auf die Arbeit der Museen zu nehmen. Trotz der allgemeinen Zugänglichkeit sind die Sammlungen nicht auf interpendente Weise mit ihren Besuchern verbunden. Museen gehören zu denjenigen Organisationen, die eine relative funktionale Autonomie besitzen. Die funktionale Autonomie garantiert eine der zentralen selbstgesetzten Auf-gaben der Institution des Museumswesens: die Erhaltung und wissenschaftliche Ver-arbeitung von Kulturdokumenten und naturgeschichtlicher Zusammenhänge - gleichgültig, ob solche Objekte ihren ursprünglichen gesellschaftlich relevanten symbolischen Bezug noch besitzen oder aber verloren haben, und gleichgültig, ob sie im gegenwärtigen strukturellen Kontext von Industriegesellschaft einen meßbaren Wert besitzen."
Heiner Treinen
 
Museum (1) Das Museum ist ein "Haus voller Widersprüche. Die hier ausgestellten Werke werden gleichsam vor dem Tod bewahrt. Gleichzeitig ist aber ein Objekt im Museum tot [...] Jedesmal, wenn versucht wird, einen Gegenstand zu erhalten, ihm die Funktion zu entziehen, tötet man ihn. Er ist nur noch Erinnerungsstück für etwas, das einmal gebraucht wurde."
Gespräch mit Jörg Zutter, in: Christian Boltanski: Réserves - La fête de Pourim. Museum für Gegenwartskunst Basel 1989, S.58
 
Museum (2) In Ecuador, im Gebiet von Cayambe, steht an einer abschüssigen und ungeteerten Straße der Kordilleren, fern jeglicher Siedlung, eine hölzerne Tafel mit der Aufschrift "Museo".
Es handelt sich um ein indianisches Haus, das in allen Details der dortigen Bauweise erhalten ist, mit seinen Wänden aus Lehm, seinem Strohdach, den tragenden Teilen aus Bambus, der Feuerstelle, den Geräten zum Ackerbau, zur Essenszubereitung
u. ä., und alle tragen ein Etikett, das ihre Funktion angibt.
Ein Indianer - der Wächter - lebt in einem ähnlichen Haus, bei dem lediglich das Dach aus Wellblech ist. Er wartet auf den einen Besucher pro Tag.
Henri Pierre Jeudy, Die Welt als Museum, Berlin 1987
Museum (3) Ich liebe Museen nicht sonderlich. Es gibt viele, die man bewundern kann, es gibt keines, das einem Wonnen schenkte. Was an Vorstellungen über Ein- und Zuordnung, Erhaltung und Nutzen für die Allgemeinheit umläuft, ist richtig und einleuchtend, hat aber mit Spendung von Wonnen wenig zu tun.
Beim ersten Schritte den schönen Dingen entgegen nimmt eine Hand mir den Stock weg, untersagt mir ein Anschlag das Rauchen.
Das Museum übt eine nicht abreißende Anziehungskraft auf alles aus, was Menschen tun. Der Mensch, der Werke schafft, der Mensch, der stirbt, füttern es. Alles endet an der Wand oder im Schauschrank... Ich kann mich nicht enthalten, an die Spielbank zu denken, die bei jedem Umlauf gewinnt. Doch das Vermögen, diese immer voller werdenden Speicher zu nutzen, steigt keineswegs mit ihrem Wachstum. Unsere Schätze erdrücken uns und verwirren uns. Die Notwendigkeit, sie in einer Behausung zusammenzudrängen, treibt die Betäubung und die Trauer, die von ihnen ausgehen, noch über sich hinaus. So weiträumig das Schloß auch sein mag, noch so angepaßt, noch so geordnet - immer kommen wir uns in diesen Galerien ein wenigverloren und verzweifelt vor, so allein gegenüber so viel Kunst! Was alles diese Tausende von Stunden hervorgelockt haben, die so viele Meister aufbrachten, um zu zeichnen und zu malen, wirkt in einigen wenigen Augenblicken auf unsere Sinne und auf unserm Geist— und diese Stunden waren doch eine jede selbst bis zum Rande voll mit Jahren des Suchens, des Erfahrens, des Wachseins, des Genies befrachtete Stunden! . . . Da müssen wir notwendig erliegen. Was tun? Wir werden oberflächlich.

Paul Valery: Das Problem der Museen
 
 
Museum (4) "Ich liebe die Museen - wie öffentliche Parks und Schwimmbäder. Es sind besondere Orte, in denen man, inmitten anderer, allein bleiben kann. Es sind Orte ohne Wirklichkeit, außerhalb des täglichen Lebens, beschützte Orte, wo alles hübsch ist, aber ohne Leben."
(Christian Boltanski, 1984)
 
Museum (5) "Das Museum soll die Entwicklung der großen Reichtümer der Nation zum Ausdruck bringen. Es soll die Ausländer anziehen. Es hat den Geschmack für die schönen Künste zu wecken, es soll die Kunstliebhaber erfreuen und den Künstlern das Studium ermöglichen- es soll allen offen stehen. Und dies wird eine nationale Bewegung sein und alle Menschen haben dieses Recht auf diesen Genuß."
Jacques Louis David, 1794
 
Museum (6) "[Die] Erziehungseinrichtungen [müssen] all das liefern, was die ökonomischen, politischen und sozialen Institutionen nicht zu liefern in der Lage sind. Die lebensnotwendigste Funktion der Museen ist der Ausgleich, die Balance, die Regulierung dessen, was wir die symbolische Ökologie der Kultur nennen könnten, indem sie alternative Ansichten vorbringen und so die Auswahl und den kritischen Dialog am Leben erhalten."
Neil Postman 1989
Museum (7) Der Mensch der als Wesen bewußt lebt, benötigt für seine Identitätsfindung die Erweiterung seiner Existenz in verschiedene Dimensionen: zurück in die Vergangenheit, voraus in die Zukunft, hinüber zu den Mitmenschen. Menschliches Leben ist reicher und aufregender, wenn vergangene Epochen zum Vergleichen und zum Vertiefen der eigenen Existenz präsent sind. Museen, die in ihren Objekten Arbeit, Träume, Leid, Errungenschaften, Kämpfe, Utopien und vieles andere mehr aus der Geschichte menschlichen Daseins inkorporiert haben, haben die schöne, reizvolle Möglichkeit, bei dieser humanen Bewußtseinsbildung in einem historisch umfassenden Sinn mitwirken zu können. ... Allgemein gesehen ist die Institution und der Ort Museum eine der letzten Möglichkeiten, die Welt als eine Welt von Beziehungen, als komplexen Zusammenhang visuell zu erleben. Eine wichtige Aufgabe innerhalb der Arbeit der Museen liegt meiner Ansicht nach darin, die Spezialisierung und Verselbst³ndigung der einzelnen Wissens- und Arbeitsgebiete nicht mitzumachen, sondern durch In-Beziehung-Setzen von Objekten verschiedener Bereiche eine Zusammenschau verschiedener Gebiete zu ermöglichen (Arbeit, Natur, Politik, Kunst, Technik u. a. m.).
Peter Schirmbeck
 
Museum (8) "Ein Museum aber nenne ich ein solches Gemach, Stube, Kammer oder Ort, wo zugleich allerley natürliche und künstliche Raritäten nebst guten und nützlichen Büchern beysammen zu finden. ... Denn einen großen Hauffen Raritäten zu besitzen, und davon keinen Begriff zu haben, ist nur mühsam, und bringet mehr Beschwerde als Lust. Wo man aber im Gegentheil, aus vorhin geschehener fleißiger Durchblätterung der Bücher, welche uns davon Verstand und Licht geben können, es so weit gebracht, daß nicht allein das blosse Auge, sondern am meisten das Gemüthe sein Vergnügen darinnen finden kan; so bin ich versichert, daß ein ieder frey mit mir bekennen wird, wie nichts in der Welt besser vermögende sey, des Menschen Geist und Sinn zu belustigen, als eben die Wunder, welche man in wohl angelegten und schönen Museis antrifft."
C. F.Neickelio 1727
 
Museum (9)
Museum?
Should the rain keep off !
Chris Burden
 
Museum (10) "Keine bessere Gelegenheit findet man nun zu dieser fast mit himmlischer Lust verknüpfften Betrachtung der Natur, als in Museis oder solchen Orten, welche ausdrücklich dazu an einer bequemen und einsamen Stelle angeordnet sind, woselbst man gleichsam alle unnütze Geschäffte und weltlichen Rumor verläst, dagegen aber seine Sinnen und Gedancken zusammen ruft, und einzig und allein zur Ehre Gottes in der Betrachtung aller seiner Wunder anwendet. Hier sitzt er [der Forscher; G.F.] also ausgeschlossen und umgeben mit herrlichen, raren, wunderbaren und fremden Sachen, über deren Anschauung seine leiblichen Augen in angenehme Ergötzung und Fröhlichkeit gerathen."
C. F.Neickelio1727
 
Museum (11) "Nichts ist so deprimierend und verstunken wie ein Museum. Und man fragt sich fast, warum der Prozentsatz an 3jährigen Mädchen, die in den Museen von frustrierten Zeitgenossen angefallen werden, nicht noch höher ist. In jeder Etage müßte also eine Bar sein; das allein würde schon die laufenden Ausgaben decken und möglicherweise auch noch die Restaurierung diverser Kunstwerke und des Säbelzahntigers, dem ständig das Sägemehl aus dem Arsch läuft. Als nächstes würde ich auf jeder Etage eine Rock Band, eine Swing Band und ein Sinfonieorchester installieren; plus drei oder vier gutaussehende Weiber, die nichts als rumzulaufen und gut auszusehen hätten. mit anderen Worten, zum Sehen und Lernen bedarf es erst mal einer geeigneten Atmosphäre, d.h. der Stall muß die richtigen Vibrationen ausstrahlen. So wie es jetzt ist, werfen die Leute einen flüchtigen Blick auf das lädierte Hinterteil des Säbelzahntigers und drücken sich daran vorbei, etwas peinlich berührt und leicht gelangweilt."Charles Bukowsky, 1977
 
Museum (12) „Die Museen, von denen wir sprechen, lehnen das Vitrinenmuseum mit seinen toten, in ihrer Isolation erstarrten, konservierten, aber verstümmelten Objekten genauso ab wie jene Museen, die das Kind im Mann wecken, indem sie ihm auf einfachen Knopfdruck das Schauspiel ausgeklügelter, aber unverständlich bleibender mechanischer Abläufe bieten.“
Freddy Raphaël, Geneviève Herberich-Marx: Das Museum als Provokation des Erinnerungsvermögens, in: Korff, Roth S.145f.
 
Museum (13) „Die neuen Museen sind aus Unkenntnis, Verwirrung oder in der glücklichen Euphorie von Unschuldigen oder Irren entstanden.“
Remy Zaugg
 
Museum (14) "Das Museum ist eine permanente Institution ohne gewinnbringende Ziele im Dienste und zur Entwicklung der Gesellschaft, der Öffentlichkeit zug³ng-lich und mit der Erforschung, dem Erwerb, der Bewahrung und der Weitergabe der materiellen Zeugnisse des Menschen sowie ihrer Ausstellung für Zwecke des Studiums und der Erziehung und Erbauung beauftragt." Definition der ICOM in deren Statuten vom 14.Juni 1974
 
Museum (15)
„Die Museen setzen nicht auf die Seele, die Museen setzen auf den Leichnam.“
Boris Groys
 
Museum (16) „Museen spiegeln zirkulierende Geschichtsbilder und Werte der gesellschaftlichen Eliten wieder, die sich ihrer als Repräsentationsorte bedienen. Verschleiert wird dies jedoch, indem Museen gleichzeitig als der gesamten Gesellschaft verpflichtete Orte des ‚kulturellen Erbes‘ gelten. Auf einen solchen ‚demokratischen Anspruch‘ berufen sich verschiedene marginalisierte Gruppen, wenn sie ihren Einschluss in die Repräsentation einfordern und in diesem ‚magischen‘ Ort repräsentiert sein wollen. Zwar haftet den Museen das Image der wissenschaftlich-rationalen Institution an, doch handelt es sich dabei vielmehr um Orte der Selbstbespiegelung und der mythisch-rituellen Selbstvergewisserung von sozialen Gruppen.“
Roswitha Muttenthaler, Regina Wonisch, Gerlinde Hauer, Anna Schober
 
Museum (17) „Museen, alle Museen, transformieren im Medium zivilisierender Rituale Geschichten von gesellschaftlicher Gewalt in eine Geschichte der Zivilisierung.“ Sabine Offe
 
Museumsobjekte (1) Dinge gewinnen im Museum, in der Ausstellung Sprech- fähigkeit durch Einordnung in eine symbolische Ordnung. Historie ist Erzählung über das, was vergangen ist,
d.h.: über das, was wir nicht (mehr) sind: Gespenster- geschichte. Historisches Interesse ist eine Bezüglichkeit, die durch Anschauung nicht zu vermitteln ist, was bleibt ist Phantasmagorie, Halluzination, also: Aura.
 
Museumsobjekte (2) "Als er das Mahl beendet hatte, winkte er den Ober herbei und fragte schlaftrunken, ob er noch schnell das Meer sehen könne. Der Kellner nickte schweigend und beauftragte einen Pikkolo, den Herrn zu führen. Es ging durch einige düstere Korridore bis zu einer Tür, die der Junge nicht ohne Mühe öffnete. Zu von Ybs Verwunderung - denn er hatte erwartet, auf die Straße hinauszutreten, - befand man sich in einem ziemlich weiten Gewölbe, wo Grünzeug, leere Weinflaschen und allerlei sonstiges Gerümpel aufbewahrt waren. - Wohin man nun gehen werde? erkundigte sich von Yb bei dem Jungen, der Licht angezündet hatte. - Er bekam die seltsame Antwort, daß man zur Stelle sei. Und der befrackte Knabe führte ihn zu einer kleinen Kiste mit einem Deckel. Von Yb agnostizierte sie sofort als 'Misttrüglel', wie man in Wien die Mistbehälter zu nennen pflegt. Der junge Führer hob den Deckel ab, und als von Yb ihn fragend ansah, wurde ihm bedeutet, daß sich in dieser Kiste das Meer befände."
Fritz von Herzmanovsky-Orlando
 
Museumsökonomie „Der spezifische ökonomische Charakter von Museen und ihre betriebswirt-schaftlichen Besonderheiten erklären sich aus ihrer recht eigentümlichen Rolle im volkswirtschaftlichen Kontext. Sie ist mit der anderer öffentlicher Institutionen kaum vergleichbar. Denn, obwohl die Museen aufgrund ihres kulturpolitischen Auftrags in der Regel als wirtschaftlich unselbständige Einrichtungen und Unternehmungen ohne Gewinnorientierung konzipiert und geführt und deshalb aus dem allgemeinen Steueraufkommen finanziert werden, nehmen sie jedoch, und dies gilt vor allem für Kunstmuseen, mittel-bar wie unmittelbar am Marktgeschehen teil und können unter Umständen ganz erheblichen Einfluß darauf ausüben. Diese ökonomische Zwitterstel-lung der Museen war ihnen zwar schon immer inhärent, wurde jedoch erst im Zuge der andauernden und in den letzten Jahrzehnten sprunghaft voran-schreitenden Entwicklung des Museumswesens von der allgemeinen Öffent-lichkeit wahrgenommen und zu einem politisch bewerteten Faktum.“
MICHAEL FEHR
 
Museumssammlung (1) "Für das einsame Wesen Mensch kann nichts wertlos sein, deshalb darf es nichts wirklich aufgeben: Wie zur bewußten Mahnung daran baut er für ausgesucht Abgelebtes Museen. Erst dieses Medium weist als dauerhaft aus, was doch eigentlich willkürlich zusammengetragener Abfall ist. Den meisten Sammlungen liegt gar keine konsistente Theorie zugrunde, die museale Inszenierung dient vielmehr dazu, die Arbitrarität ihrer Ordnungen zu überspielen. Die Magazine und Depots sind Müllhalden der Museen selbst: Orte unseres kollektiven (und schlechten) Gedächtnisses, Verschiebestätten."(Wolfgang Ernst,1986)
 
Museumssammlung (2) Zweieinhalb Millionen eingelegte Fi- sche füllen viereinhalb Regalkilo- meter und sechs der 16 Lagerräume im 'Spirits Buildung' des Natur- historischen Museums in London, wo alle Exemplare in Alkohol konser-
viert sind. Forschung am heutigen Homo sapiens findet in diesem Mu- seum nicht mehr statt. Das Museum enthält 65 Millionen gesammelte, gekaufte, ererbte, geschenkte, gejagte, gefundene Tiere, Pflanzen, ihre Produkte, zugeflogene Meteoriten, ausgegrabene Fossillien. Das Naturhistorische Museum London vermehrt sich jährlich um ca. 300.000 - 400.000
 
Museum als Heterotopie s. Heterotopie
Museum of Jurassic Technology 9300 Venice Boulevard, Culver City (Los Angeles), Kalifornien. David Wilson: Das Museum für Jurassische Technik in Los Angeles, Kalifornien, ist eine Bildungseinrichtung, die der Aufgabe dient, Kenntnis und öffentliche Wertschätzung des Jüngeren Juras zu fordern. Wie ein doppelseitig zu tragender Mantel erfüllt das Museum eine zwei-fache Funktion. Einerseits bietet es der akademischen Gemeinschaft eine Fundgrube von Zeugnissen und Gerätschaften aus dem Jüngeren Jura, wobei es auf Dinge spezialisiert ist, die ausgefallene oder merkwürdige technische Eigenarten aufweisen. Andererseits steht das Museum der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung und vermittelt dem Besucher eine nachvollziehbare Erfahrung vom "Leben im Jura“. Auch wenn der Weg nicht immer leicht war, hat sich das Museum für Jurassische Technik doch als anpassungsfähig erwiesen und so weit entwickelt, das es heute unter den großen Einrichtungen des Landes eine einzigartige Position einnimmt. Aber auch heute noch bewahrt das Museum etwas von dem Geiste der Frühzeit naturkundlicher Museen, etwas von der Atmosphäre jener ersten "Ungereimtheiten“, die als Frucht "übereifrigen Forschungsdranges im Angesicht unergründlicher Phänomene“ bezeichnet worden sind.
 
Museum und Gedächtnis "The contemporary museum intervenes in a specifically postmodern dynamics of memory and amnesia. Along with the other institutions and sites that organize our social memory, the museum plays a pivotal role in the postmodern predicament of memorial culture."
"The issue of remambrance and forgetting touches the core of a multifacted and diverse western identity...Without memory, without reading the traces of the past, there can be no recognition of difference,...no tolerance for the rich complexities and instabilities of personal and cultural, political and national identities."
Andreas Huyssen
 
Museum und Gesellschaft Der amerikanische Kulturtheoretiker Neil Postman auf der internationalen Tagung des Museumsrates ICOM von 1989 unter dem Titel: "Die Erweiterung des Museumskonzeptes". Angesichts ökologischer, ökonomischer und sozialer Weltprobleme, so Postman unter der lebhaftesten Zustimmung der Museumsleute, "müssen ...[die] Erziehungseinrichtungen all das liefern, was die ökonomischen, politischen und sozialen Institutionen nicht zu lie-fern in der Lage sind. Die lebensnotwendigste Funktion der Museen ist der Ausgleich, die Balance, die Regulierung dessen, was wir die symbolische Ökologie dere Kultur nennen könnten, indem sie alternative Ansichten vorbringen und so die Auswahl und den kritischen Dialog am Leben erhalten." Dies sei "essentiell" für "das Überleben einer jeden Kultur.
 
Museum und kollektives Gedächtnis „Wenn Museen als 'Hilfsmittel zur Geschichtserkenntnis' und damit auch zur 'Erkundung eines anthropologischen Möglichkeitssinns' (Gottfried Korff) und wenn sie als Teil kollektiver Gedächtnisse definiert werden, heißt das noch lange nicht, daß sie Institutionen sind, die 'per se' Erinnern ma-chen: Sie können auch Vergessen machen, Nicht-Erinnern organisieren. Die Ausschlüsse der gesellschaftlich 'Anderen', der klassischen Figuren der Unterdrückung, sprechen eine deutliche Sprache. 'Race, gender, class' – diese klassische Trias bildet das essential für eine kritische Sozialge-schichtsschreibung, wie sie bereits in den 60er Jahren in den anglo-amerikanischen Ländern entwickelt wurde, und das gilt auch für die ernst-hafte Museumsarbeit.“ Elisabeth von Dücker