glossar : p
 
 
Panoptikum Eines Tages - es war ein Sonntag - wich die Scheu, mit der ich oft an dem Musee Grevin vorbeigegangen war. Es regnete in Abständen. Die Wolken, die aus Schwefel zu sein schienen, strömten ein gelbes Licht aus. Am Nachmittag bekamen die sonntäglich gekleideten Menschen den Ausdruck abgekämpfter, feierlicher und vergeblich auferstandener Schatten. Es war, als ob der Sonntag, zu dem sie ausgezogen waren, ausgefallen sei. An seiner Stelle befand sich eine Art verregnetel- und trüber Lücke, die den verflossenen Samstag vom künftigen Montag trennte und in der die verlorellen Spaziergänger umherschwankten, geisterhaft und körperlich zugleich und alle wie aus Wachs. Mit ihnen verglichen waren die wächsernen Puppen im Musee Grevin aufrichtigere Imitationen.
Das gelbe Licht der Lampen in den fensterlosen Räumen, die niemals den Tag gekannt hatten, vermischte sich so innig mit dem Dämmer, der aus den Winkeln kam, daß beide aus dem gleichen Stoff zu sein schienen und Hell und Dunkel Geschwister. Die Gestalten der Geschichte und die bescheinigte Authentizität ihrer Gesichter, Bratenröcke, Kostüme, Zylinder: die Schatten, die sie wie zum Beweis ihrer Lebendigkeit auf den Fußboden warfen; die wächserne Starrheit ihrer Stellungen; und schließlich die unneimliche Stummheit, die lebende Zeitgenossen und längst Verstorbelle gleichmäßig ausströmten: das alles kam mir wie eine angenehmere Fortsetzung und Bestätigung jenes gelben Sonntags vor, den ich eben verlassen hatte.
Manche Persönlichkeiten hielten den einen Fuß vorgestreckt, die Hose warf unter dem Knie ebenso lebenswahr unbeabsichtigte Falten wie über dem Hals das Kinn ein Doppelkinn, und hundert kleine Nachlässigkeiten des Schneiders und der Natur waren bemüht, selbst dem verstockten Zweifler die wahre Existenz der Figuren zu beweisen. Ja, der Zuschauer kam oft dazu, mit dem eigenen Wunsch die Absicht des Panoptikums zu unterstützen.
Auf den Gesichtern der lebendigen Besucher wieder lagerte ebenfalls eine Stummheit, die aus Ehrfurcht, Schrecken und Staunen bestand, wie ein matter Widerschein jener Figuren. Niemand wagte laut zu sprechen. Alle flüsterten oder murmelten, als befanden sie sich wirklich in der Nähe der bedeutellden oder furchtbaren Persönlichkeiten und als könnten sie durch einen stärkeren Laut die Puppen zu einem unwilligen Fluch veranlassen. Ein Geruch von lange ungelüfteten Kleidern schwebte um alle Denkmäler und machte sie noch realer-.
Gleichzeitig aber mit der Furcht, die sie einflößten, fühlte man eine Art Mitleid mit ihnen, den ewig eingeschlossenen, und empfand es fast als ein Unrecht, daß ihre Vorbilder, die noch lebten, in der schönen freien Luft und an den grünen Tischen der Weltgeschichte atmen und handeln durften. Es war, als stünde hier im Panoptikum der wahre Poincare zum Beispiel und draußen führe irgendwo in einem Auto zu einem offiziellen Ereignis der nachgemachte. Denn alles Wesentliche und Kennzeichnende schien die wächserne Puppe dem lebendigen Vorbild abgelauscht und weggenommen zu haben, so daß dieses ohne seine stabilen Züge in der Welt herumlief. Und ebenso wie die Zeitgenossen der Erde, so schienen die toten Heroen dem Jenseits entwendet worden zu sein; und für die Dauer meines Aufenthalts im Panoptikum war es mir klar, daß sich in der Unterwelt nur die billigen Durchschnittsschatten aufhalten konnten, die für die Geschichte wie für das Musée Grevin überhaupt nicht von Bedeutung waren.
Im Sterbezimmer Napoleons auf St. Helena roch man das schwelende Licht, obwohl es von einer elektrischen Birne kam, und man erstarrte in Ehrfurcht vor dem doppelten Schweigen des Todes: dem metaphysischen und dem imitierten. Für die Ewigkeit festgehalten war die Ewigkeit selbst, und das Flügelrauschen des Todesengels hatte seine Flüchtigkeit verloren und war beständig geworden, eingefangen im Sterbezimmer.
Die authentischen Gegenstände aus Napoleons Besitz, seine Taschenuhr zum Beispiel, die auf dem Nachttisch lag, strömten eine überzeugende Echtheit aus, wie Gewürze Düfte verbreiten. Jede kleinste Lücke zwischen den nachgemachten Tatsachen, in die etwa die Phantasie des Betrachters hätte schlüpfen können, war ausgetüllt mit einer nachgemachten Wahrscheinlichkeit zumindest. Also war die Wirklichkeit nicht nur imitiert, sondern sogar übertroffen. Es war eine Welt, in der jede körperliche Erscheinung der menschlichen Phantasie vorgritf, um sie überflüssig zu machen, und in der alles plastisch vorhanden zu sein schien, was man sich sonst mit geschlossenen Augen kaum in verschwimmenden Umrissen ausmalen darf. Die Schatten waren eben Körper geworden und warfen eigene Schatten.
Über allem lag eine makabre Stimmung. Aber sie entströmte nicht so sehr den dargestellten Katastrophen (wie etwa der Christenverfolgung in Rom und der unterirdischen Welt der Katakomben), sondern viel eher der unerbittlichen Körperlichkeit, in die alle Ausgeburten der Phantasie hineingesprungen waren, dieser wächsernen Härte, umgeben von historisch unanfechtbaren Requisiten und diesem legitimen Geschichtsunterricht, an dem nicht mehr gezweifelt werden konnte, einfach, weil er aus Wachs war und gar nicht vom Fleck zu rühren. Es war wie eine Begegnung mit okkulten Erscheinungen, obwohl alles Okkulte und der Vernunft schwer Zugängliche rationalistisch präpariert allen irdischen Sinnen aufgedrängt wurde. Man konnte Wunder mit körperlichen Augen sehen und war infolgedessen ein bißchen niedergedrückt und in Sorge, die liebe Erde zu verlieren, auf der man so gerne glaubend und zweifelnd herumwandert.
Nur in einer einzigen Abteilung - Palais des Mirages, im Märchenpalast also - war die Begegnung mit dem Wunderbaren nicht schrecklich, sondern heiter. In diesem Palast sind alle Wände und die Decke aus Spiegeln. In der Mitte stehen ein paar Säulen, deren Aut'gabe es ist, nicht die Decke zu stützen, sondern sich selbst zu vervieltaltigen. Es ist ein besonderes System drehbarer Spiegel, die ein unwahrscheinliches Getöse verursachen, sobald man sie in Bewegung bringt. Um das Getöse zu übertönen, veranstaltet ein Orgelmechanismus eine Opernmusik, die aus Porzellanhimmeln, Messingsphären und Stanniolplaneten zu kommen scheint.
Eine Zeitlang ist es stocktfinster. Eine Pause, die dazu dient, die erregten Sinne auf ein neues Märchen vorzubereiten, und allen Besuchern Gelegenheit gibt, die Körper ihrer vertrauten Begleiterinnen wie fremde Wunder im Finstern zu fühlen. Dann leuchtet es langsam auf, von hunderttausend Lampen und Ampeln, violett, gelb, grün, blau, rot, und man befindet sich im orientalischen Palast, der von durchsichtigen Säulen getragen wird. Vor wenigen Minuten waren es noch dichtbelaubte Eichen und Ahornbäume, und man befand sich in einem deutsch-französischen Märchenwald mit Orgelgezwitscher. Bald dröhnt es wieder, und flugs stehen wir unter einem blauen Sternen- und Kometenzelt.
Erst in diesem Palast gelangten die Besucher aus der flüsternden Furcht in ihre natürliche Spektakelfreude. Denn sosehr auch hier das Unwahrscheinlichste wirklich geworden war, so blieb doch diese von vornherein zugestandene Märchenhaftigkeit ein Kinderspiel, verglichen mit den Wahrscheinlichkeiten und Wirklichkeiten der menschlichen Geschichte. Es war keineswegs merkwürdig, aus dem Wald in die Alhambra mit einem Schlag versetzt zu werden. Aber unmöglich schien die Kreuzigung Christi, der Tod Napoleons, die Ermordung Marats, das Zirkusspiel der Römer. Ja, selbst die zeitgenössischen Politiker, deren Leistungen erst in hundert Jahren die panoptikale Reife erlangt haben werden, wirkten schon so, wie sie dastanden, im Bratenrock und Zylinder, unmöglich und gespenstisch. Wie wenige von all den Besuchern wußten, daß sie vor sich selbst erschrocken waren und eigentlich noch in den Straßen hätten erschrecken müssen - vor ihrem eigenen Spiegelbild in einem Schaufenster! Da gingen sie wieder herum, aus Wachs und aus Gips, mit allen Schrecknissen des Panoptikums in der eigenen Brust, und eines jeden Seele war eine Folterkammer. Es regnete immer noch, schief und strichweise, die gelben Wolken galoppierten über den Dächern, und tausend Regenschirme schwankten unheimlich über den Köpfen der Unheimlichen. Joseph Roth, Panoptikum am Sonntag
Pantheon Im 18. Jahrhundert beginnt sich die Vorstellung von dem einer Person gestifteten Denkmal auf den kollektiven Kult großer Männer, die dem Bürgertum angehörten, zu beziehen.
Diese Form der Gedächtnisstif-tung geht mit der Ikonologie des antik-römischen Pantheons und seiner Memorialfunktion eine höchst erfolgreiche Verbindung ein. Die Geschichte des römischen Kultbaus spiegelt die Transformation von der antiken Allgötter-Verehrung über den christlichen Allerheiligen-Kult wieder bis zum, von ihm selber initiierten, profanen Gedächtniskult durch die 1520 erfolgte Grabstiftung für Raffael.
Sakrales - das Lesen der Totenmesse am Todestag des Künstlers -, und Profanes - der Künstler- und Geniekult -, mischen sich. Toten-, Reliquien- und Gedächtniskult - schon Platon benutzt die Metapher der Höhle, um von der Wiedererinnerung der unsterblichen Seelen zu sprechen -, sind ab da verbunden und gehen mit der architektonischen Würdeform des höhlenartigen Halbkugelraumes eine unauflösliche Verbindung ein.
Gottfried Fliedl
 
Panthéon Die im Künstlerkult des 16. Jahrhunderts (Bestattung Raffaels) am Pantheon selbst begonnene Interpretation als öffentliches (Grab)Monument wurde durch die Nutzung der Westminster Abbey als Grablege durch bürgerliche Verdienste ausgezeichnete Männer neu gedeutet, in der Errichtung von Denkmälern und Grabdenkmälern in Landschaftsgärten fortgesetzt und etwa in der Gartentheorie Hirschfelds (Theorie der Gartenkunst, 1779-85) untermauert wurde.
Im amerikanischen Capitol entstand eine Hall of Statuary, ein Halbkreisraum neben der zentralen Rotunde für die berühmten Männer der Staaten. 1791 wurde diese Idee des Pantheons als Ruhmestempel anläßlich des Todes von Mirabeau aufgegriffen; die National-
versammlung beschloß die seit 1756 errichtete Kirche Ste. Genevieve in Paris in ein Panthéon Française umzuwandeln. Wie im Falle des Louvre geht es um eine Umdeutung eines vom König errichteten Gebäudes im bürgerlichen Sinn.
Wer ist denn überhaupt im Pantheon? Das Zögern der gebildeten Franzosen, wenn sie mit Bestimmtheit mehr als fünf oder sechs Namen nennen sollen, ist schon ein Zeichen, daß die Geschichte über diese Akropolis hinweggegangen ist: Das Pantheon ist der Tempel der Leere, Ort der Heiligung des Anonymen, das Malraux in einer Rede im Jahr 1964 ganz charakteristisch gekennzeichnet hat, als er sagte, Jean Moulin sei der gemarterte König der Schatten, jener Mann, dessen Namen Frankreichs Kinder nicht kennen.
Mona Ozuof: Das Pantheon. Berlin 1996, S.7f.
Das Pantheon ist für die Revolution ein sichtbares Elysium der großen Männer, jener Männer, die -im Unterschied zum König - ihr Wesen allein sich selbst verdanken und deren Ruhm - im Unterschied zu den Helden - sich nicht übernatürlicher Kräfte verdankt, sondern dem, was von langer Geduld und alltäglicher Energie herrührt.
Die Idee des Panthéon als einem nationalen Gedächtnis ist von allemAnfang an durch zwei Umstände kompromittiert: die großen Männer anderer Nationen werden ausgeschlossen und die Notwendigkeit, eine 'Liste' nationaler Ehrenwerter zu erstellen, wirft das Problem nicht nur der Auswahl und Ausschließung, sondern auch der prognostizierbaren Zuverlässigkeit auf. Von Anfang an ist das Panthéon ein Ort, in dem nationale Heroen nicht nur bestattet, sondern immer wieder auch entfernt werden.
Plastinierung Plastinierung ist eine 1978 an der Universität Heidelberg entwickelte Methode, mit der menschlichen oder tierischen Körpern Wasser und Fett entzogen und durch Kunststoffe, z.B. Silikon, ersetzt wird. Es gibt auch Scheibenplastinierung: Mit Bandsägen angefertigte Querschnitte durch ganze Körper in der Längs- oder Querachse. Eingesetzt werden solche Präparate zur Unterstützung von Diagnose und medizinischer Lehre - künftig vielleicht auch für Konservierung von Pflanzen und bei archäologischen Präparierungen. Andrea Whalley von der Universität Heidelberg: "Manchmal bekommen wir anfragen aus englischen Adelskreisen, aber so ein Präparat ist ja praktisch unzerstörbar. Was sollte in tausend Jahren damit werden?".
 
Präparat. Präparieren "Ein makabres Museum kam ans Licht, als kürzlich die Nervenheilanstalt von Mombello, nahe Mailand, geschlossen und entrümpelt wurde. In dem düsteren Altbau aus dem vorigen Jahrhundert häuften sich mumifizierte Überreste ehemaliger Patienten, darunter zwei vollständig erhaltene Frauenkörper, aber auch abgetrennte Gliedmaßen, Ohren und männliche Genitalien sowie Köpfe, die wie Gipsbüsten auf einem Podest befestigt oder säuberlich in zwei Hälften zerlegt waren. Wie die italienische 'Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte' ermittelt hat, sind die Körper der früheren Geisteskranken von Dr. Giuseppe Paravicini präpariert worden, der von 1906 bis 1917 in Mombello als stellvertretender Klinikdirektor amtiert hatte. Experten vermuten inzwischen, daß Paravicini, offenbar selber verrückt, seinen Patienten die mumifizierenden Chemikalien in die Arterien spritzte, als sie noch lebten; anders, meinen sie, sei die fast perfekte Präparier-Kunst Paravicinis kaum zu erklären. Gestützt wird dieser Verdacht durch die Tatsache, daß Paravicini, der seine Methode zeitlebens geheimhielt, 1921 bei dem Versuch scheiterte, den Mailänder Erzbischof Kardinal Ferrari zu mumifizieren - wohl weil der Kirchenfürst schon tot war, als Paravicini mit der Prozedur beginnen konnte."
Der Spiegel, 1981
 
Projektmanagement „DAS Projektmanagement gibt es allerdings nicht. Jedes Projekt hat seine Spezifika und vor allem seine eigenen Fallgruben. Was aber ist die Spezifik der Projektmanagementaufgaben im Museumsbereich? Wesentlich ist die oft hohe Komplexität der Projekte, welche sich durch das Überschneiden verschiedener „Organisationskulturen“ ergibt. Insbesondere der Zusammenprall staatlicher und nicht-staatlicher Organisationen, kulturell und technisch orientierter Organisationen und Personen, von Profit- und Non-Profit-Organisationen und anderer „Kulturen“ und Zielen/Orientierungen verlangt von Projekten in diesem Bereich ein bewußtes und systematisches Management.“ Samy Bill