glossar : r
 
 
Ready Made Marcel Duchamp: "Das Ready-made ist die Konsequenz aus der Weigerung, die mich sagen ließ: "Es gibt so viele Leute, die von Hand Bilder machen, daß man so weit kommen müßte, die Hand nicht mehr zu gebrauchen." Selbst ein echtes Bild ist übrigens großenteils ein Ready-made: die Farben sind manufakturiert. Die Hälfte des Produkts wird industriell fabriziert.
Man kann noch weiter gehen: Ein Rembrandt ist fast ein Ready-made. Wenn man alles entfernt, was nicht von ihm stammt - das heißt die Leinwand, das Chassis, die Farben - so bleibt nicht viel übrig, was Rembrandt selbst gemacht hat. Das ist schein-wahr, das gebe ich Ihnen zu, aber ich mag die Schein-Wahrheit sehr gern."
Otto Hahn: "Was bestimmte Sie bei der Wahl der Ready-mades?"
Marcel Duchamp: "Das hing vom Objekt ab. Meine Pissoir-Fontäne ging von der Idee aus, eine Exerzierübung durchzuspielen über die Frage des Geschmacks: Jenes Objekt auszuwählen, das am wenigsten die Chance hatte, geliebt zu werden. Eine Pissoirschüssel - es gibt sehr wenig Leute, die das wunderbar finden. Denn die Gefahr ist das künstlerische Ergötzen. Aber man kann veranlassen, daß die Leute alles schlucken: Das ist dann auch passiert."
 
Reklame Aber eben in einer ganz anderen Weise; im Durchgang durch den Gebrauch, darin besteht die Nützlichkeit der Gegenstände, stellt sich erst jener entspannte Zustand ein, den die Werbung als Vorlust-
unternehmen und -versprechen von vornherein zu erzeugen die Absicht hat. Sie suggeriert dem Konsumenten, daß er das Produkt bereits konsumiert hat, nämlich daß er zu jener Gruppe gehört, die alles bereits hinter sich hat, wenn sich die Werbung nicht überhaupt darauf beschränkt, die Infantilisierung und die Partialtriebe der Konsumenten anzusprechen. Das erweckt zuweilen den Schein, Werbung sei nur auf Kinder und Jugendliche zugeschnitten, die ja in der Tat die größte Konsumentengruppe stellen...

Kurnitzky: Der heilige Markt 1994, S.99
Reliquie (1) Bei der Entdeckung des Wracks der "Titanic" in den achtziger Jahren wurden unter anderem zwei Feldstecher gefunden.
In den Gerichtsverhandlungen nach der Katastrophe wurde festgestellt, daß das Vorhandensein eines Feldstechers - er galt vor dem Unglück als "verlegt" - das rechtzeitige Entdecken des tödlichen Eisberges ermöglicht hätte.
Reliquie (2) Die Reliquie scheint mir eine der vielen Techniken zu sein, die die Möglichkeit schaffen, danach noch an etwas von davor, von früher zu denken. Die Reliquie ist Moment einer Technik des Gedächtnisses.
Reliquienähnliche Gegenstände gehören zum Inventar einer Institution, die für sich in Anspruch nimmt, ein Teil der Gedächtnisskultur, ein begehbares überindividuelles Gedächtnis zu sein. Reliquienähnliche Gegenstände sind Bestandteil des Museums. Das Museum ist eine säkularisierte Form der Reliquiensammlung.
Der Mangel an Glaubwürdigkeit scheint durch die prinzipielle, wenn auch nicht immer durchgeführte Berührbarkeit wettgemacht. Prinzipielle Berührbarkeit schafft Glaubwürdigkeit. Je mehr prinzipiell zu berühren ist, um so besser. Dies setzt den Aufbau von Sammlungen in Gang.
Berührung scheint so etwas wie einen Zeittunnel zu eröffnen. Die zwischen dem Moment der Berührung in der Gegenwart und dem angezielten Früheren verflossene Zeit, die Distanz scheint für einen Moment aufgehoben, für den Moment der kurzen flüchtigen Berührung. Ein kleiner Kurzschluß wird erzeugt. Berührung sichert das Existenzgefühl. Zeit und Raum fallen in Eins.
In der Dynamik der notwendigen Auswahl, des Verlassens von Lebensabschnitten, der Trennung von Menschen wird die Reliquie zu einem wichtigen Vehikel. Die Reliquie, das, was zurückbleibt, übernimmt die Funktion einer Repräsentation, einer Wieder-Gegenwärtig-"Machung", ein Sprung durch die ablaufende Zeit und das Setzen eines Teiles für einen größeren Zusammenhang, für ein Ganzes. Damit werden den Toten wie dem eigenen vergangenen Leben, als "Wohnsitz einige armselige Reste" zugewiesen.
(Fédida, Pierre. "Die Reliquie und die Trauerarbeit." In: Pontalis. Objekte des Fetischismus. Frankfurt: Suhrkamp, 1972. 372.)
"Die Toten töten", sagt Freud. "Die Reliquie verwirklicht den illusorischen Kompromiß, dessen der Mensch sich bedient, um der Todesangst widerstehen zu können, so daß es ihm niemals gelingt, die Vorstellung vom Tod mit der - Schicksal gewordenen - Notwendigkeit eines Nicht-mehr in Einklang zu bringen" (Fédida, Pierre, ebenda).
Karl-Josef Pazzini
 
Reliquie (3) König Ludwigs letzter Schal
Das Halstuch Ludwigs XVI., das er bis kurz vor seiner Hinrichtung an seinem Leib trug, ist am vergangenen Mittwoch in Loches in der Nähe von Tours für 75 000 Euro versteigert worden. Der Auktionator Philippe Rouillac war selbst überrascht beim Erlös für das dreieckige, 159 Zentimeter lange und 76 Zentimeter breite weiße Stück Stoff; er hatte dafür maximal 20 000 Euro erwartet. Das königliche Halstuch, das Schweißflecken und Spuren einer Ausbesserung von der Hand Marie-Antoinettes trägt, stellt so das Nachthemd Kaiser Napoleons in den Schatten, das vor knapp zwei Jahren in Fontainebleau 63 000 Euro erzielte.
Der Ort der Versteigerung - Loches, "die Stadt, wo die Lilien blühen", so Philippe Rouillac - war ebensowenig zufällig gewählt wie das Datum: Am 21. Januar 1793, vor genau 211 Jahren also, stieg Ludwig XVI. aufs Schafott. "Auf dem Weg zu seiner Hinrichtung löste er seine Krawatte vom Kragen und übergab sie, da er nichts anderes mehr besaß, Monsieur Vincent als Souvenir und Belohnung", ist auf dem mitgelieferten handgeschriebenen Billett zu lesen. Ein Jahr später starb auch Monsieur Vincent, Stadtverordneter und Mitgefangener des Königs, unter der Guillotine, nicht zuletzt weil er das königliche Kleidungsstück unterschlagen hatte.
Nach der Hinrichtung des Königs hat man dessen Leiche und Kleidung verbrannt, um alle Spuren auszulöschen. Die Witwe von Monsieur Vincent erbte somit die einzige Reliquie des Bourbonenkönigs und gab sie an ihren Sohn aus zweiter Ehe weiter; das Halstuch ist bis heute in der Familie geblieben. Nun hat es, so der Auktionator, eine "alte aristokratische, dem Königshaus nahestehende" französisch-amerikanische Familie erworben, um der alten Freundschaft, die auf den französischen Beistand im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zurückgeht, Ausdruck zu geben. Das Halstuch soll in Paris und New York ausgestellt werden, sobald das Verhältnis zwischen Frankreich und Amerika sich wieder gebessert hat. A.H. FAZ, 24.1.2004
 
Repräsentation s. Museum (16)
Rest (1) Der Rest ist immer das, was im Symbolischen nicht mortifiziert wurde, was im Imaginären keine Rolle bekommen hat. Das Reale ist Rest. Es spottet der Imagination und der Symbolisierung. Einem solchen Rest begegnen wir im Tod, in der Sexualität, in der Gewalt, im Wahnsinn. Die Sehnsucht nach ungeschiedener Einheit versucht den Rest zu vermeiden. Sobald wir zu sprechen beginnen produzieren wir Reste.
Derjenige, der versucht alles zu Verschlingen, also keine Reste läßt, kann nicht Nein sagen. Die Verneinung ist die Grundlage der Urteilsfunktion. Wer Reste nicht ertragen kann, wird also restlos dumm.
Wenn man beim Essen Reste läßt, dann ist schlechtes Wetter die Folge. Schlechtes Wetter folgt aus heiterem Himmel.
Wenn die Divison nicht aufgeht, bleibt ein Rest. Um diesen Rest möglichst klein zu halten, braucht man die Stellen hinter dem Komma.
Geht etwas restlos auf, ist man restlos glücklich. Museen versuchen dabei behilflich zusein, restlos glücklich zu werden.
Karl-Josef Pazzini
 
Rest (2)
a. abwertend: das was nicht aufgeht, was nicht paßt, was überständig ist.
b. aufwertend: ein letzter Rest des Kostbaren, des Knappen.
Kulturgeschichtlich bedeutsam: Reste als Ruinen; der letzte Rest des einstmals Ganzen und Vollen.
Insofern die Welt nie so schön wie denkbar, die Schatzkammern so voll wie wünschbar, die Liebe so stark wie ersehnt sind, ist auch der schönste Neubau eine bloße Ruine des denkbar Vollendesten, wunschlos Erfülltesten. Einstürzende Neubauten markieren dieses Prinzip des Ruinierens als aufklärerische Distanzierung gegenüber der Anmaßung, etwas Vollkommenes schaffen zu können.
Wir bringen es nur zu kümmerlichen Resten einstmaliger Kraft des Wünschens und Vorstellens (weil eben das Wünschen nicht mehr hilft, sondern Hoffen und Harren uns zu Narren macht) oder andererseits zu Fragmenten, Splittern, Klumpen, die partout nicht in unser Sonntagspuzzle passen.
Mirakel der Schöpfung: Das Puzzle geht nicht auf, aber wir haben eine klare Vorstellung davon, was wir nicht erreichen.
Mirakel der Zerstörung: Wir zerlegen das Ganze in mehr Bruchstücke als wir brauchen, um es wieder zusammenzufügen.
Universale Kindheit: Das wiederzusammengesetzte Radio spielt, aber auf dem Tisch liegen noch sieben komische Teile, eben Reste.
Organ der Resteverwertung, der Altstoffsammlung und der kulturellen Schnellbrüterei (es kommt gedanklich mehr raus, als man philosophisch reingesteckt hat.) ist die seit 145 Jahren erscheinende piemontesische Zeitung
„Il Resto di Carlino“.
Bazon Brock
 
Rest (3) Der Friedhof ist sicherlich ein anderer Ort im Verhältnis zu den gewöhnlichen kulturellen Orten; gleichwohl ist er ein Raum, der mit der Gesamtheit der Stätten der Stadt oder der Gesellschaft oder des Dorfes verbunden ist, da jedes Individuum, jede Familie auf dem Friedhof Verwandte hat.
Ausgerechnet in der Epoche, in der die Zivilisation, wie man gemeinhin sagt, 'atheistisch' geworden ist, hat die abendländische Kultur den Kult der Toten installiert. Denn der sterbliche Rest ist es, "der schließlich die einzige Spur unserer Existenz inmitten der Welt und der Worte ist." Jedenfalls hat seit dem 19. Jahrhundert jedermann ein Recht auf seinen kleinen Kasten für seine kleine persönliche Verwesung.
Andrerseits hat man erst seit dem 19. Jahrhundert begonnen, die Friedhöfe an den äußeren Rand der Städte zu legen. Zusammen mit der Individalisierung des Todes und der bürgerlichen Aneignung des Friedhofs ist die Angst vor dem Tod als 'Krankheit' entstanden. Es sind die Toten, unterstellt man, die den Lebenden die Krankheiten bringen, und es ist die Gegenwart, die Nähe der Toten gleich neben den Häusern...die den Tod selber verbreitet. Seither bilden die Friedhöfe nicht mehr den heiligen und unsterblichen Bauch der Stadt, sondern die 'andere Stadt', wo jede Familie ihre schwarze Bleibe besitzt.
Michel Foucault, Andere Räume, in: Aisthesis, Leipzig 1991, S.41f.
s. Überrest
Restitution Im Herbst 2003 ließ die italienische Regierung den unter Mussolini aus Äthiopien geraubten Obelisken auf der Piazza Porta Capena in Rom abbauen, zerlegen und an das Herkunftsland zurückgeben.