glossar : t
 
Teilrechtsfähigkeit s. Ausgliederung
Tempel Ein Tempel ist zunächst keine bloßer Typ von Architektur, sondern leitet sich von einem ursprungsetzenden heiligen Akt her, der einen heiligen Raum, und damit eine Unterscheidung von Heiligem und Profanem trifft. Die Etymologie von templum sucht die Wurzel des Wortes einmal in der in die antike Stadt und damit Gemeinschaftsgründung integrierten ersten Tätigkeit des Auguren (tueri = schauen, starren) , ein andermal in der auf die gründende Definition und Abgrenzung eines Stück Landes bezogenen Tätigkeit, im griechischen temenos: heiliger Bezirk (von temno: schneiden, verwunden).
Dass dieser anlässlich von Stadt- und Gemeinschaftsgründungen notwendige Diskriminierung von Heiligem und Profanem als Ideenkreis in der Geschichte des Museums ein manchmal bewusst, manchmal unbewusst tradiertes Strukturmerkmal ist, dafür gibt es viele Indizien, nicht zuletzt auch in der Geschichte der Museumsarchitektur. Für lange Zeit und auch heute noch ist der ‚Tempel’, der vom Dreiecksgiebel bekrönte Säulenportikus, die archetypische Chiffre für ‚Museum’ - für das Museum als 'heiligem Ort'.
Gottfried Fliedl
„Der Tempel und seine unauflösliche Heiligkeit riefen die Enteignung hervor, eine Enteignung, die das moderne Museum auf eine ganz laizistische Weise wieder in Erinnerung bringen wird, denn was in das Museum Eingang findet, verlässt definitiv den ökonomischen Kreislauf, um unveräußerlich zu werden. (...) Das Museum im eigentlichen Sinne wird eine paradoxale Synthese dieses doppelten Ursprungs vollziehen, des Kultes und des Raubs, indem es das Kunstwerk in einen heiligen Schatz, d.h. im Grunde genommen ein Monster situiert auf der Kreuzung von Kontemplation und Konsumation, etwas, das man besitzt, aber wovon man sich verbietet, es zu berühren, etwas, das ihnen einen Genuss verschafft, aber ganz symbolisch und abgeleitet.“
Bernard Deloche
s. Heterotopie s.Schatzhaus
 
Theoretische Objekte Um den Umsatz zu steigern, haben zahlreiche Museumsshops ihre Angebotspalette dem Tourismuskitsch geöffnet. Diese Läden sind nun eher mit flacher Schmunzelware bestückt als mit Artikeln, die dem kulturellen Auftrag der Museen, ästhetisch zu erziehen und historisch zu bilden, gerecht werden.
Deshalb starten der Bertelsmann Verlag rtv und die Leitung der Art Frankfurt gemeinsam mit Bazon Brock und Ulrich Giersch eine Initiative für die Entwicklung neuer Museumsshop-Objekte. Die von Künstlern, Designern und Gestaltern aller Sparten entworfenen Prototypen werden an Hersteller und Museumsshops vermittelt.
Zu den neuesten Prototypen zählt auch der von dem Berliner Künstler Hans-Martin Sewcz entworfene Eierbecher in Gestalt eines kleinen Reichstagsmodells.
Anhand dieses Objektes können Architekturinteressierte jeden morgen über die aktuelle Streitfrage - Reichstagskuppel lieber rund oder eiförmig schlank -, aber auch über das Phänomen der Kuppel überhaupt-, gemeinsam beim Frühstück mit ihren Familienangehörigen diskutieren. Der Benutzer des Eierbechers greift mit dem Abschlagen des Eies spaßhaft und mehr oder weniger bewußt in das Modell des (künftigen) deutschen Parlamentssitzes ein.
Bazon Brock
 
Tod; Tote „So manifestiert sich der Tod und seine Überwindung in den Kunstgegenständen, von denen Freud sagt, daß ihr Sammeln "viele Opfer" gefordert habe und er "mehr Archäologie als Psychologie gelesen habe" [zit. ebenda] zweifach: Inhalt und Funktion verweisen direkt darauf, Rembrandts Anatomie, Darstellungen biblischer Totenerweckungen, Grabfiguren, Sarkophagbruchstücke usw. "...da erscheint immer wieder die Wucht des Todes herabgemildert durch die Erotik des Schlafes und des Traumes, da wird immer wieder seine Absolutheit relativiert durch Möglichkeit und Verheißung von Sterben im Leben und Leben im Tod [...] Da insistiert das Aufschieben des Endes, die Strategie der Mumifizierung und die Angstlust in den Gedankenspielen von den Übergängen, wenn für Freud die Krone des Unheimlichen darin besteht, scheintot begraben zu sein." August Ruhs
s. Ahnen s. Bild s. Kulturelles Gedächtnis s. Schatzhaus s. Xenologie
 
Totenkult s. Mumie
 
Tourismus "Tourismus will dem Subjekt die bewußte Wahrnehmung der eigenen Sinne und Triebe vermitteln, denn das ist seine Ware, wobei die Ökonomie der Sache nach die konsumkanalisierte Rezeptivität und das Auge betont, weil die Dinge am längsten ausbeutbar sind, die nur fürs Auge sind, denn das Auge beschädigt die Landschaft weniger als die Moonboots - engste Parallele zum Museum."
Wolfgang Zacharias, 1987
 
Tradition Bei der Gründung des Schweizerischen Landesmuseums in Zürich erkannte man schon früh das Paradox, das darin liegt, wenn ein Gegenstand zur Landesgeschichte gerechnet wird, der älter ist als das Land selbst oder der in einem Gebiet gefunden wurde, das damals noch nicht zu diesem Lande gehörte. Ein bedeutendes Objekt des Schweizerischen Landesmuseums ist der Schild von Seedorf: Seedorf liegt zwar in der Schweiz, aber der Träger dieses Schildes hatte mit der Schweiz nichts zu tun, repräsentiert eine Tradition, mit der die Schweiz in der Gegend von Seedorf dann allenfalls aufräumte. Was sagt der Schild von Seedorf dem Besucher des Schweizerischen Landesmuseums?
Lucius Burckhardt: Wie komt der Mül ins Museum?
Trophäe Tropaion (grch.) ist das Feldzeichen. Eine gegnerische Truppe zu besiegen hieß, ihr das Feldzeichen zu rauben. Denn das Feldzeichen markierte die Ordnungen, durch die einzelne Kämpfer zu einer Truppe wurden und die Truppen zu einem Heer.
Bei den Triumphzügen der alten Römer wurden die Feldzeichen der Gegner und die der eigenen Truppe in besonderer Weise der Wahrnehmung eröffnet:
Als Trophäe, also als enteignetes Feldzeichen und als Apotropaion, als durch bloße symbolische Repräsentation bereits wirksame Waffe.
Trophäen erfolgreicher Erobererzüge durch Museen, Galerien, Kaufhäuser bringen wir in Gestalt von Kunstwerken, stilvollen Gebrauchsgegenständen und Designschnäppchen mit nach Hause.
Den apotropäischen Gebrauch von Objekten trainieren wir an Regenschirmen, die wir mit uns führen, weil es dann garantiert nicht regnen wird oder an Museumsshopobjekten als symbolischen Repäsentanten von lauter Unmöglichkeiten und Unsinnigkeiten - verlange nicht vom Künstler, was Du nicht selber zu verstehen in der Lage bist; aber bestehe nicht auf dem, was Du weißt, denn dann brauchtest Du die Künstler und Werke gar nicht erst zu betrachten.
 
Tussaud Madame s. Gresholtz, Marie