glossar : u
 
 
Übergangsobjekt Das Übergangsobjekt verhilft dem kleinen Menschen ein Übergangssubjekt zu werden. Und das braucht der große Mensch dann auch immer wieder. Unmerklich verlockt etwas Gegenständliches, das nicht zu gegenständlich sein darf, aus den eigenen Grenzen heraus, die noch ziemlich weich sind. Und auf einmal
hat man einen Faden in der Hand, ein Tuch, ein Kuscheltier. Dessen Haupteigenschaft besteht darin, daß es verloren werden kann, wie im Prinzip jedes Körperteil.
Die Körperteile, die man nicht so leicht verliert, werden dann allmählich als zu einem selbst zugehörig gehalten. Um die eigenen Grenzen immer wieder zu verlassen, braucht es Übergänge. Die werden geschaffen durch vertraute Objekte, die eine Zeit lang auch als verloren gelten können. Wiedergefunden werden sie zu Schienen aus dem eigenen Abschluß.
Wenn Gummibärchen anstelle des ursprünglichen Teddybärs als Übergangsobjekte gewählt werden, so ist dies ein verhängnisvoller Irrtum. Sie führen in Wiederholung zur Aufblähung, schaffen keine rechten Übergänge.
Karl-Josef Pazzini
 
Überreste - Kaffeetasse als Museumsobjekt
Eine verbogene Jalousie, eine Tasse mit Kaffeeflecken oder die Überreste eines Wörterbuches – all diese Objekte haben gemeinsam, dass sie zu Museumsstücken wurden. Um die Geschichte der Terroranschläge vom 11.September besser dokumentieren zu können, sammeln Museen, Bibliotheken und Behörden in den gesamten USA Gegenstände, die mit den Attentaten in Zusammenhang stehen. Wenn Kuratoren, Wissenschafter, Künstler und Archivare dieser Tage in New York über eine adäquate Dokumentation beraten, dann geht es auch darum, welches Museum welche Gegenstände bekommt.
Den Wettstreit um die geeigneten Objekte hat bereits der US-Senator Kit Bond
eröffnet: Er beantragte fünf Mio Dollar für das Smithsonian Nationalmusem
für Amerikanische Geschichte, damit dort eine geeignete Ausstellung organisiert werden kann. Die Anschläge hätten das ganze Land betroffen, also müsse ein nationales Museum die Führung übernehmen, so Bond. Ungeachtet dieser Debatte hoffen die Hinterbliebenen der Opfer darauf, in die Entscheidungen einbezogen zu werden. „Viele Angehörige fragen sich, wohin das Zeug nun alles geht“, so ein Sprecher.

(ORF-Teletext, 28. Dezember 2001)
s. Gedächtnisort
Uffizien
In Florenz wimmelt es von Museen, Sammlungen und Galerien. Viele habe ich nicht besichtigt, denn ich war der symbolischen Maschinerie ins Netz gegangen, und steinerne Rätsel und Dogmen bedrängten mich aus nächster Nähe. Die Uffizien aber, diesen zarten Leviathan, in dessen Bauch die italienische Malerei und ein paar erlesene Exotika versammelt sind, die Uffizien habe ich wiederholt gekostet. Die Uffizien haben jetzt ihr vierhundertstes Lebensjahr vollendet. Ihr Erfinder ist ein unruhiger, extravaganter Alchimist, ein Mann von manieristischem Lebenswandel: Francesco I. de' Medici. Ihr Geburtsdatum ist das Jahr 1581. Das sechzehnte Jahrhundert hatte eine Vorliebe für die tyrannischen Dimensionen des totalen Museums. Der Anfang des Jahrhunderts sieht die Geburtswehen der Vatikanischen Museen, und noch in der ersten Hälfte in der Louvre startbereit.
Ich mißtraue den Museen, besonders, wenn es sich um Institutionen handelt, die dazu neigen, »alles« zu sammeln und zu katalogisieren. Eine Bibliothek ist pedantisch, aber ehrbar. Sie erhebt nicht den Anspruch, einmalig zu sein. Das Museum pocht auf sein solitäres, exemplarisches Wesen, seine Unwiederholbarkeit. Es besteht aus lauter einmaligen Objekten. Jedes Exemplar ist eine Beute: gekauft, ergattert, verschleppt, aufgestöbert, ausgegraben, gestohlen, verdorben, eingetauscht, heimlich entwendet. Voraussetzung für ein Museum ist eine Leidenschaft, die das Verbrechen nicht scheut, ist eine düstere Konzentration und die mythologische Einbildung, man könne einen flachen, abgeschlossenen ptolemäischen Raum aus der runden kopernikanischen Welt herausschneiden. Hinter dem Museum stecken Machenschaften, Frechheit und Betrug.
Es nimmt zweideutige und unheilvolle Dinge ebenso in seine Mauern auf wie Meisterwerke: es sammelt Kunstwerke im Namen der Schönheit und gibt schließlich vor, es sei bildungsfördernd. Auf jeden Fall wirken die Museen einschränkend; das Werk in der Vitrine eines Museums ist ein Gefangener in einem Lager von Erlesenheiten, es wird für ewig erklärt, wenn es nur von seiner magischen Eigenschaft und der ihm innewohnenden Gewalt abläßt und akzeptiert, »schön« zu sein.
Die Uffizien sind noch einmal ein Florenz innerhalb von Florenz; ein verlockendes, bestürzendes, magisches Netz. Es gibt Säle, in denen sich derselbe allegorische Entwurf in archaischer Größe wiederholt, und auch Spuren jener geometrischen Rauferei, die Florenz zusammenhält und auseinanderreißt, scheint es hier zu geben; in diesem Zusammenhang sei nur der erste Saal mit den drei »Thronenden Madonnen« zitiert. Ein dunkles, machtvolles Numen wirkt in diesen Gemälden; das Wort Perspektive bezeichnet eine Maltechnik und eine rituelle Geste.
Während wir in den Sälen dieses beunruhigenden Bauwerkes herumgehen, gelangen wir zu der Überzeugung, daß wir, die Betrachter, nur vergängliche und vorläufige Bewohner des Museums sind; das wirkliche Volk des Museums aber die vorgeblich verschwiegenen Gemälde, Statuen und Wandteppiche ausmachen. Während der öffentlichen Besuchszeiten mögen sie sich wohl in die Grenzen ihrer Rahmen flüchten, aber während der langen Stunden der Einsamkeit betrachten sie einander und lernen sich kennen. Wenn wir dann wieder durch die Säle gehen, werden wir kaum wahrnehmen, daß ein gewisses Blau, ein schneller Lichtstrahl von einem Bild abgewandert ist, um sich einem anderen anzubieten, das ihm dafür ein Stück seines wissenden Schattens überlassen hat...
Giorgio Manganelli: Die Uffizien
 
Unrat Auf geradezu paradigmatische Weise verknüpft sich in der Biografie des Laienethnologen und Militärs John Gregory Bourke (1846-1896) die Obsession des Sammelns mit dem Interesse am Unrat.
Eines seiner ebenso zahllosen wie umfangreichen Werke ist ein Skatalog, ein Lexikon, ein alphabetisches Verzeichnis all jener Riten und Praktiken aller Völker im Umgang mit Abfall, Kot, Müll, Unrat.
Bourke zog in diesem Werk gleichsam einen Grenzzaun um alles Fremde, indem er Kot und Ekel als Kriterium der Unterscheidung, als Index der Abweichung von eigenen Verhaltensweisen, in einer endlosen Liste zusammefasste.
Diese Liste beruhte im wesentlichen aus dem Exzerpieren einschlägiger Literatur, aber auch auf eigenen Erfahrungen, wie jener, die als auslösend für seine Beschäftigung mit dem Thema gilt, als er einer Zeremonie der Medizinmänner der Nehue-Cue in Neu-Mexiko beiwohnte.
Die literweise Urin trinkenden Indios erregten den besonderen Ekel Bourkes. Stephen Greenblatt vermutet in der Zeremonie eine Parodie westlicher (katholischer) Riten, die auch dazu gedient hätten, auch Bourke selbst lächerlich zu machen.
Stephen Greenblatt: Schmutzige Riten, in:ders.: Schmutzige Riten. Betrachtungen zwischen Weltbildern. Frankfurt 1995, S.31ff.
Bourkes Werk erschien 1913 unter dem Titel Der Unrat in Sitte, Brauch, Glauben und Gewohnheitrecht der Völker - mit einem Vorwort Sigmund Feuds. Eine Auswahl aus diesem Werk wurde unter dem Titel Das Buch des Unrats mit einem instruktiven Nachwort von Louis Kaplan, der den Zusammenhang von Entstehung der Ethnologie und der militärischen Ausrottungskampagnen in Nordamerika untersucht, 1992 im Eichborn Verlag Franfurt publiziert.
Gottfried Fliedl
 
Unsterblichkeit s. Mumie
 
Urbild s. Bild
 
Utensil Für einen Gebrauch bestimmter Gegenstand, Gerät