glossar : v
 
 
 
Veralten Dabei läßt die Beschleunigung des Fortschritts immer rascher die Grenze zwischen dem 'Alten', 'Veralteten' und Neuen an die Gegenwart heranrücken. In der Denkmalpflege rückt die Demarkationslinie zwischen modernen, 'neuen' und 'alten' schützens- und pflegenswerten Objektbereichen immer näher an die Gegenwart. Und mit der Beschleunigung "nimmt die Menge der historisch ungleichzeitigen Zivilisationselemente in der Gegenwart zu [...] Am Maß der Fortschrittlichkeit der Moderne haben wir zugleich ein Maß ihrer Kraft, Vergangenheit zu erzeugen und Vergangenheit aufdringlich zu machen".
Hermann Lübbe: Der Fortschritt und das Museum. Über den Grund unseres Vergnügens an hisorischen Gegenständen. London 1982, S.1ff.
 
Veräußerbarkeit Britische Tate-Gallerien überlegen Verkauf von Beständen: Die britischen Tate-Gallerien überlegen erstmals seit 50 Jahren den Verkauf von Exponaten aus ihrer riesigen Sammlung. Damit soll nach Presseberichten heute der Ankauf neuer Exponate zeitgenössischer Künstler finanziert werden. Tate-Direktor Nicholas Serota erklärte: "Die Öffentlichkeit erwartet, dass die bedeutendsten britischen Künstler angemessen bei uns vertreten sind. Aber wir sind dazu nicht in der Lage."
Der Hauptgrund dafür ist, dass die vier Tate-Gallerien (Tate Britain, Tate Modern, Tate St. Ives und Tate Liverpool) mit den auf dem Kunstmarkt üblichen Preisen nicht mithalten können. Zwar ziehen die Museen jedes Jahr Millionen Besucher an, doch schlägt sich das finanziell kaum zu Buche. Da der Eintritt in die regulären Sammlungen frei ist, sind die Tate-Gallerien zunehmend auf Stiftungen und Spenden angewiesen. Die
staatliche Unterstützung reicht kaum für den Erhalt der Bestände und Gebäude.
Der Verkauf von Beständen ist für Tate allerdings mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Nach einem Gesetz aus dem Jahr 1992 ist das nur in Ausnahmefällen möglich. Die einmalige historische Sammlung hingegen soll unangetastet bleiben. "Wir werden nicht einen Turner verkaufen, um einen Hirst zu erwerben", sagte
Serota.

 
Vergangenheit s. Erinnerung
 
Vermittler s. Animation
Vitrine (1) Außer Theaterbühnen gibt es noch weitere Orte, wo man die Erzählungen der Toten hören kann: z. B. in einem Völkerkundemuseum. Im Hamburger Völkerkundemuseum stehen viele transparente Särge nebeneinander, in denen sich jeweils eine tote Figur befindet. Jede Figur verkörpert ein Volk. Ein stehender Sarg erinnert an eine Telefonzelle, weil die Figuren darin aussehen, als wären sie im Begriff zu erzählen. Deshalb müssen die Särge wahrscheinlich stehen, anstatt wie üblich zu liegen.
Die Figuren in den Särgen - die aus Kunststoff hergestellten Puppen - machen einen Zusammenhang zwischen dem Tod und den Puppen deutlich: Die als Puppen dargestellten Völker sind alle einmal in der Geschichte von anderen kulturell oder wirtschaftlich erobert und zum Teil vernichtet worden.
Wie auch in anderen Museen wird hier ein Machtverhältnis sichtbar, daß nämlich das Dargestellte immer zugleich das Eroberte ist. In einem zoologischen Museum z. B. wird ein ausgestopfter Wolf ausgestellt, während umgekehrt kein Wolf einen Menschen ausstellen kann. In einem historischen Museum herrscht auch ein hierarchisches Verhältnis zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart.
Solange, wie ein Fremder bedrohlich erscheint, versucht man, ihn zu vernichten. Wenn er tot ist, stellt man ihn als Puppe liebevoll in einem Museum dar. Man kann dort die Puppe betrachten, die Erklärung über seine Lebensart lesen, die Fotos von seinem Land sehen, aber man versteht etwas nicht. Ein Schleier trennt den Museumsbesucher von der toten Puppe, so daß er wenig erfahren kann.
Man erfährt viel mehr, wenn man versucht, ein ausgedachtes Volk zu beschreiben. Wie soll ihr Leben aussehen? Wie funktioniert ihre Sprache? Wie sieht ein ganz fremdes Sozialsystem aus? Genauso interessant ist, einen Betrachter zu spielen, der aus einer fiktiven Kultur kommt. Wie würde er ‘unsere’ Welt beschreiben? Das ist der Versuch der fiktiven Ethnologie, in der nicht das Beschriebene, sondern der Beschreibende fiktiv ist.
aus: Yoko Tawada: Talisman. Tübingen 1996
 
Vitrine (2) Das Bild des gläsernen Sargs ist ein ziemlich präzises Symbol für den Computer. Wobei Sie mir gestatten, kurz in die Märchenwelt abzuschweifen (was ich, in Anbetracht der Tatsache, daß ja auch die Computerwelt eine solche Märchenwelt ist - oder wie man heute sagt: eine virtual reality, - durchaus angemessen finde). Was also ist es, was sich in diesem Bild vermittelt? Zunächst einmal funktioniert dieser Sarg wie eine Art Frischhaltebeutel oder eine Kühltruhe, denn Schneewittchen lag, wie es im Märchen heißt, eine lange, lange Zeit in dem Sarg und verweste nicht. Und dann erst taucht dieser Prinz auf und verfällt einfach dadurch, daß er diese schöne Tote anschaut, in unsterbliche Liebe zu ihr. Das ist natürlich, wie wir psychoanalytisch trainiert wissen, ein äußerst merkwürdiger Blick - eben das, was Freud wohl - in gewohnt spröder Manier - eine Obiektbesetzung nennt.
Denn gerade dadurch, daß dieser Körper wie tot daliegt, vermag man ihn in aller Ruhe anzuschauen, wie irgendein totes Ding. Dieser Blick (der ein Herrschaftsblick ist) dringt, wie das Skalpell des Anatomen, in den Körper des Anderen ein es ist ein Blick, der die Erfahrung gemacht hat, daß er, im Prozeß des Erkennens, das zu Erkennende zum Objekt machen, also töten muß. In gewisser Hinsicht wiederholt sich im Faszinosum dieses Blicks jene Tötungsabsicht, wie sie im Märchen die böse Stiefmutter hegt, mit dem Unterschied, daß der Prinz von dieser vernichteten Natur angezogen wird, daß also seine Zeichenhaftigkeit, sein Aufgebahrtsein im gläsernen Sarg zur Ursache seines Begehrens wird.
Und wie man sich erinnern wird, ist hier beständig von der Schönheit die Rede, und das heißt: Wir haben es also mit einer Projektionsfläche zu tun, bei der es (wie beim Blick in den Zauberspiegel) um einen symbolischen Körper geht, um das Phantasma des Betrachters. Denn auch der Blick in den gläsernen Sarg stellt eine Art Spiegelblick dar, nur daß er dem Prinzen-Betrachter nicht mehr das eigene Antlitz, sondern das Antlitz der Begierde preisgibt.
Schneewittchen selbst, so könnte man sagen, ist der Zauberspiegel, ist jener symbolische Körper, in dem sich alle andern erkennen. Man kann (in der Form dieses Märchens) so etwas wie eine Metapher der wissenschaftlichen Neugierde ausmachen. Jenes Interesse also, die Natur zu denaturieren und aus dem obskuren Objekt der Begierde ein luzides, durchleuchtetes zu machen.
Der große Vorzug freilich, den dieses Märchen all unseren Wissenschafts- geschichten gegenüber hat, besteht darin, daß es von der Energie erzählt, die uns unsere Wissenschaftsapologetik verheimlicht.
Und so erfahren wir von der Nekrophilie des wissenschaftlichen Blicks, wir erfahren, daß die Schönheit jenes symbolischen Körpers eine dunkle, stiefmütterliche Vorgeschichte hat, daß man sich der Natur als eines unzugehörig empfundenden Fremdkörpers zu entledigen sucht, wir erfahren vom Faszinosum und vom Fetischcharakter jenes Körpers, der dort im gläsernen Sarg aufgebahrt liegt, wir erfahren schließlich, daß unser Prinz nicht im Dienste der Menschheit operiert, sondern das Objekt seiner Begierde ganz für sich haben möchte - behauptet er doch, daß er nicht leben könne, ohne Schneewittchen zu sehen.
Womit eigentlich klar wird, daß das, was ihn antreibt, nicht die Hoffnung auf unmittelbare Erfüllung seiner erotischen Begierden ist, sondern (in einer hochgeschraubten, etwas verdrehten Wendung) der Besitz der Erkenntnis, das Anschauen-Können des Fetisch-Objekts ist.
Ganz abgesehen von all den Experimenten, die man anstellen kann... - Und wie es ausgeht, ist bekannt. Weil wir hier in einer Märchenwelt uns befinden, wo das Wünschen zu helfen verspricht, vermag das solcherart vernichtete Zeichen auf einer höheren Ebene wieder lebendig gemacht zu werden - kommt es dazu, daß Schneewittchen ihren vergifteten Apfel wieder ausspuckt und daß der Prinz seine chymische Hochzeit feiern kann.Martin Burckhardt: Der Schatten der Dinge, aus: ohne Titel, sichern unter.... Unbeständige Ausstellung der Bestände des Werkbund-Archivs, Berlin 1995, S. 84ff.
 
Vitrinenmuseum „Die Museen, von denen wir sprechen, lehnen das Vitrinenmuseum mit seinen toten, in ihrer Isolation erstarrten, konservierten, aber verstümmelten Objekten genauso ab wie jene Museen, die das Kind im Mann wecken, indem sie ihm auf einfachen Knopfdruck das Schauspiel ausgeklügelter, aber unverständlich bleibender mechanischer Abläufe bieten.“
Freddy Raphaël, Geneviève Herberich-Marx: Das Museum als Provokation des Erinnerungsvermögens, in: Korff, Roth S.145f.
 
Vorratshaltung s. Speicher
Votivgabe
Grundsätzlich ist die Votivgabe das natürliche Benehmen des Menschen, nicht mit leeren Händen vor einer Gottheit zu erscheinen.