Gottfried Fliedl

Zeit gewinnen gegen den Tod
Boltanski/Museum
Auszug aus: Menschlich. Ausstellungszeitung zur gleichnamigen Installation von Christian Boltanski in der Kunsthalle Wien. Wien 1995, S.1-4
Eine Vitrine mit einigen Fotografien, Paßbildern aus einem Automaten, einem handschriftlichen Text - offenbar ein Brief -, Fotokopien, einigen Gegenständen - ein paar davon seltsam sorgfältig verpackt oder umwickelt oder auf einem Brettchen montiert -, alles mit mit Schreibmaschine geschriebenen Zettelchen, Etiketten, beschriftet. So sieht eine der Vitrines de réference (von 1970) aus, mit der Christian Boltanski seine Kindheit 'dokumentiert', seine Biografie 'rekonstruiert'.
Von diesen frühesten Anfängen an ist Boltanskis Kunst 'Museumskunst'. Wie viele Künstler seit den 70er-Jahren entdeckte auch er das Museum nicht so sehr als scheinbar neutrale 'weiße Zelle' zur Präsentation von Kunst, sondern als Schauplatz eigenwilliger und eigensinniger Repräsentationen, Ordnungen und Bedeutungen, als Spielraum, in dem die Methoden und Formen des Museums analysiert und in immer neuen Konstellationen angewendet werden.
 
Wie etwa in einem historischen oder volkskundlichen Museum üblich, scheinen die Vitrines de réference Zeugnisse eines gelebten Leben hinter Glas - geschützt und distanziert -, zu versammeln um mit ihrer Hilfe, arrangiert und beschriftet, eine Menschengeschichte zu erzählen.
Doch sind diese Dinge nicht durch Überlieferung oder zufälligen Fund zu Dokumenten geworden; Boltanski hat sie 'erfunden', einige von ihnen zum Zweck der 'Dokumentation' hergestellt, andere, durch Einwickeln und Verpacken gleichsam unsichtbar gemacht, verrätselt.
Das Museum wird nicht als scheinbar neutraler Ort genutzt, sondern eingesetzt, um mit Hilfe seines Raumes und seiner Techniken und Methoden eine - fiktionale - Geschichte zu erzählen.
In den künstlerischen, auf das Museum bezogenen Praktiken seit den 70er-Jahren wurde die Hierarchie des Sammelwürdigen und kulturell Wertvollen durcheinandergeworfen und andrerseits die Beschäftigung mit dem Alltäglichen und Massenhaften, dem Banalen und Trivialen, dem Nicht-Außergewöhnlichen aufgewertet. Die neuen Umgangsweisen kritisieren indirekt oder offen - Broodthaers Musée des Aigles mag als eines der bedeutendsten Beispiele genügen -, das Museum als Ort kultureller Signifikanz, Beispielhaftigkeit und Repräsentativität kollektiver Prozesse.
In der Zuwendung zum Museum steckte aber auch eine Selbstbezweiflung der Kunst und der Rolle des Künstlers - "das Museum erscheint manchen [Künstlern] nun als letztes Werk, das nach dem Ende der Kunst-Werke noch zu bearbeiten bleibt".
Es wird auf die Privilegiertheit der spezifischen künstlerischen Arbeitsweise verzichtet und die Herstellung des Artefakts tritt zugunsten von dessen Arrangement und Kommunikation in den Hintergrund. Aber, wie gerade das genannte Beispiel des Musée des Aigles zeigt -: "Der Verzicht auf die Produktion von Symbolen ist ja schließlich selbst als eine symbolische Handlung zu begreifen."
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