Zeit gewinnen gegen den Tod
Boltanski/Museum
 
Auszug aus: Menschlich. Ausstellungszeitung zur gleichnamigen Installation von Cristian Boltanski in der Kunsthalle Wien. Wien 1995, S.1-4
   
         
Boltanski interessiert das Symbolsystem Museum als gegenständliche Spiegelung des Selbst im Anderen, im Fremden. Wenn er das Musée de l'Homme in Paris als frühe Inspirationsquelle anführt, dann enthält sein Resumé dieser Begegnung wichtige Motive, sich mit dem Museum zu beschäftigen: das des Bewahrens, das des Grenzverkehrs mit dem Fremden und mit dem Unbedeutenden:
"Es war [...] die Zeit der technologischen Entdeckungen, [...] der Schönheit, nicht länger nur der afrikanischen Kunst, sondern einer Serie anderer Alltagsobjekte: Angelhaken der Eskimos, Pfeile von Amazonaslndianern. [...] Das Musée de l'Homme war für mich von sehr großer Bedeutung; dort sah ich die großen Metall- und Glas-Vitrinen, in denen kleine zerbrechliche und unbedeutende Gegenstände ausgestellt waren."

 




Boltanski nutzt das Musée de l'Homme gleichsam wie ein Ethnologe und Museologe, der den Überresten des 'eigenen und des 'fremden' Alltags, den Überlebseln der Kultur, ihre geheime Botschaft ablesen will und zugleich die Bedingungen von Musealisierungen, deren Techniken und Riten studiert.
Er radikalisiert den Auftrag des Museums, Identität zu stiften, zunächst auf die eigene Person und Biografie hin. Er 'sammelt sich selbst', seine Kindheit, seine Jugend, seinen Lebenslauf. Er bedient sich dabei der Techniken, die das Museum bereithält: Er operiert und spielt mit der - Ewigkeit vorspiegelnden - Dauersichtbarkeit und dauernden, gegen den Verfall und die Veränderung der Dinge gerichteten Konservierung.
Er bedient sich der zentralen Ambivalenz des Museums: daß es gerade das musealisierte, das tote Ding ist, das an die Kontingenz der menschlichen Existenz, an den Tod erinnert; daß es gerade das Konservieren und Sammeln als Hoffnung auf materielle Identität - in der sich die individuelle wiedererkennen soll -, ist, die das Mortifizierende des Museums ausmacht.
 
 
"In einer Ecke", schreibt Boltanski zum Musée de l'Homme "enthielten sie [die Vitrinen] oft ein vergilbtes Foto eines 'Wilden', der mit seinen kleinen Gegenständen hantierte. Jede Vitrine enthielt eine verschwundene Welt: der Wilde auf dem Foto war bestimmt tot, und die Gegenstände waren nutzlos geworden - wie auch immer, es gibt sowieso nie-man-den, der sie zu benutzen weiß." Auch die Vitrines de réference verweisen auf eine verschwundene Welt - und auf einen Toten: das Kind Boltanski.
Die 'Nutzlosigkeit' der 'Überlebsel' ist nicht nur die der Museumsdinge inmitten einer auf Zirkulation und Verwertbarkeit berechneten Warenwelt, sondern die, mit deren Hilfe die Museen glauben den Tod demen-tieren zu können: "Der reinste Ausdruck der Kultur ist ein ägyptisches Grab, wo alles vergeblich herumsteht, Geräte, Schmuck, Nahrung, Bilder, Skulptur, Gebete, und der Tote ist doch nicht am Leben."
         
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