GUSTAV KLIMT
Die Welt in weiblicher Gestalt
Kapitel "Der Kuss"
 
   
 

 

 
Das in der Österreichischen Galerie in Wien ausgestellte Werk Der Kuß ist Klimts berühmtestes Werk - und das durch Reproduktionen am meisten und in vielerlei Formen verbreitetste. Es gehört in eine Phase von Klimts Schaffen, die die 'goldene' genannt wird, weil Klimt in dieser Zeit besonders nachdrücklich von Goldfarben und echtem (Blatt)Gold Verwendung machte. Die Popularität der Bilder jener Zeit - und damit auch des Kusses - mögen mit der Verwendung dieser Nicht-Farbe Gold zusammenhängen. Denn sie ruft magische, religiöse Assoziationen ebenso hervor, wie den von schierem materiellen Wert, von Kostbarkeit - nicht nur im übertragenen, sondern auch im wörtlichen Sinn.
Etwas von dieser materiellen Kostbarkeit und dem glanzvollen Schein, der von ihr ausgeht, verbindet sich engstens mit dem Inhaltlichen. Der 'Wert' des Bildes strahlt auch auf dessen 'Sinn', auf dessen Inhalt aus. Die für Klimts sogenannte goldene Phase stilistische Eigentümlichkeit der Vermeidung von Tiefenräumlichkeit und Gewinnung ornamentaler Flächigkeit steigert zusätzlich die Bedeutung des reinen Bildes und der Bildfläche.
Die Kostbarkeit der Behandlung die die Fläche durch ornamentale Gliederung erfährt, trägt zusätzlich dazu bei, daß sich der 'Sinn' des Bildes vom Inhaltlichen auf Form und Material verschieben kann. Die Aura des Bildes, seine verführerische Schönheit beruhen sowohl auf seiner - doppeldeutigen - 'Kostbarkeit', wie auf der Darstellungsweise des Liebespaares als Inbegriff des ungetrübten, eingelösten erotischen Glücks.
Auf einer Art 'Klippe', einem Rasenstück, das nicht als Raumangabe gesehen werden soll, sind die beiden ineinander versunkenen Menschen in eine goldene Aura gleichsam entrückt und durch eine sie umgebende Gloriole zugleich vereinigt und von der 'Umwelt' isoliert. Das Fehlen jeglicher Andeutung eines bestimmten Ortes des Geschehens rückt das Paar in eine zeit- und raumlose, naturnahe, kosmische 'Einheitlichkeit', die weit jenseits aller bestimmten historischen oder gesellschaftlichen Wirklichkeit angesiedelt ist.
 
 
 
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