GUSTAV KLIMT
Die Welt in weiblicher Gestalt
Kapitel "Der Kuss"
 
   
 

 

 
Ganz der Ideologie des Jugendstils entsprechend scheint die Beziehung des Paares als "Allheitliches, Kosmogonisches und Naturverbundenes" geschildert, als ganzheitlicher Erlebnisakt. (Jost Hermand: Der Schein des schönen Lebens. Studien zur Jahrhundertwende. Frankfurt 1972, S.148).
Die Einkapselung der beiden Menschen und die Tatsache, daß der Mann sein Gesicht abwendet, verstärken den Eindruck der Isolation vom und die Distanzierung zum Betrachter.
Die beiden Geschlechter werden auf ihre rein biologischen Differenz zurückgeführt, auf ihre 'reine' Natur. Durch die Isolierung der Sich-Umarmenden in einem ebenso 'reinen', wirklichkeitsfernen, 'kosmischen' Naturraum, erscheint auch das Glücksversprechens dieses Bildes als Natur. Glück ist nur noch jenseits der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu denken. Ge-waltfreie Beziehung der Geschlechter und eine gewaltfreie Beziehung zur Natur sind nur noch im Traum zu imaginieren. Das 'Erlösungsversprechen', wie auch das des Beethovenfrieses , verweigert jede Einsicht in eine konkrete Verwirklichung.
Das Bild ist oft als 'Vereinigung' beschrieben worden, und zwar mit Hinweis auf die Symbolik des Ornamentalen, das die Gewänder der beiden Menschen ergriffen hat. Wenn man aber die Gestaltung des Bildes genau ins Auge faßt, wird man dem nicht zustimmen können.
Es ist nämlich gerade das Ornament, das Frau und Mann voneinander unterscheidet, das die Geschlechter differenziert: dem Mann sind - entsprechend der klischeehaften Vorstellung von biologischen und psychologischen Geschlechtsmerkmalen - die 'harten' Formen, rechteckige, weiß-schwarz-graue Flächen zugeordnet, der Frau dagegen die 'weichen' Formen, blumige, bunte, kurvige Formelemente.
 
 
   
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