GUSTAV KLIMT
Die Welt in weiblicher Gestalt
Kapitel "Der Kuss"
   
   
   
 
Obwohl also Mann und Frau durch ihre Umarmung, den geschlossenen Umriß, den sie zusammen bilden, durch den Hintergrund und das durch beide Gewänder durchwirkende Gold als e i n e Konfiguration erscheinen, werden sie dennoch gerade durch das ihnen jeweils zugeordnete Ornament unterschieden. Allerdings verschwindet mit der 'Ornamentalisierung' die Geschlechterdifferenz.
Nur noch das Ornament macht, abstrakt, den 'kleinen 'Unterschied' aus - es symbolisiert ihn bloß noch. Das heißt, daß das Bild die beiden Geschlechter einander annähert, sie so 'verschmilzt', wie die beiden Figuren miteinander in enger Umarmung verschmolzen werden. "Im Kuß hat er (Klimt; G.F.) die Spannung von Mann und Weib den beiden Körpern entzogen und an den Gegensatz rechteckiger und runder Muster delegiert. Trieb und Verlangen werden so zu einem ornamentalen Kontrastprogramm verschlüsselt." (Werner Hofmann: Das Fleisch erkennen. In: Wolfgang Pfabigan (Hg.): Ornament und Askese. Wien 1985, S.120-129, hier S.122)
Dieses Verschieben des Triebmoments von den Personen und Körpern auf das Ornament bedeutet zugleich die Annäherung der Geschlechter: wohl bleibt im Ornament eine Unterscheidung gewahrt, aber eben in erster Linie nur mehr dort, während die Körpersprache, die gestischen, physiognomischen und mimischen Möglichkeiten kaum noch zur Unterscheidung genutzt werden. Daß Klimt dieses - nicht bloß formale Spiel - mit den Grenzen der Geschlechterdifferenz sehr interessiert haben muß, läßt sich an vielen seiner Werke erkennen.
 
 
 
         
   
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