GUSTAV KLIMT
Die Welt in weiblicher Gestalt
Kapitel "Der Kuss"
   
   
   

 

 
Daß Klimt dieses - nicht bloß formale Spiel - mit den Grenzen der Geschlechterdifferenz sehr interessiert haben muß, läßt sich an vielen seiner Werke erkennen. Im 'abstrakten' Mosaik der Schmalwand des Speisesaales im Palais Stoclet..., ist möglicherweise die Differenzierung der Geschlechter ganz aufgegeben - die beiden Geschlechter fallen in einer 'Person' zusammen. Der Preis ist die Aufgabe eines naturalistischen Menschenbildes, was dazu führt, daß Personen zum 'kunsthandwerklich-architektonischen Objekt', zum Ding zu werden drohen.
In den Fakultätsbildern hatte Klimt dem sich rational dünkenden Fortschrittsoptimismus des Bürgertums Phantasien einer in sich kreisenden, blinden Natur entgegengesetzt. Im Stoclet-Fries radikalisierte er diesen Gegenentwurf, indem er die Figuren noch stärker isolierte und ihnen jede über sie hinausweisende Bedeutung abstreifte - mußte aber die Macht des Realitätsprinzipes in Kauf nehmen: Die vermeintliche Herrschaft des Menschen über die Natur ist in die Herrschaft der Dinge über die Menschen umgeschlagen.
Das Menschenbild, das von der Annäherung der Geschlechter, wenn nicht von der Aufhebung ihrer Differenz träumt, wird zum abstrakten Mosaikornament, aus dem fast jede gegenständliche Bedeutung verschwunden ist.
 
 
 
 
         
   
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