GUSTAV KLIMT
Die Welt in weiblicher Gestalt
Kapitel "Der Kuss"
   
   
   

 

 

 
Die 'Gloriole', die beide Menschen im Kuß umfaßt, wird durch den Mann definiert, der mit seinem Rücken den Verlauf des Umrisses bestimmt. 'Turmartig', 'glockenhaft' oder 'semantisch kaum zu fassen' hat man diese Form be-schrieben, die doch am ehesten als phallisch zu beschreiben ist.
Für Klimt ist das gar nicht ungewöhnlich. Ähnliche und eindeutigere Formen finden sich auch im Beethoven-Fries (der Wollust zugeordnet) und Klimt hat sich in einer Art von Karikatur einmal selbst als Penis dargestellt. Dieser D-minanzform der Männlichkeit entspricht die stiernackige Virilität des Mannes - die fast brutal wirkt -, und von dem alle Bewegungsenergien des Bildes ausgehen.
E r ist es, der den Kopf der Frau erfaßt und zu sich hindreht, um sie auf die Wange küssen zu können. Dagegen ist die Frau passiv geschildert.
Sie k n i e t vor dem Mann, eine Geste der eindeutigen Unterordnung.
Daß Klimt gerade an diesem Motiv sehr gelegen haben muß, geht aus Vor-zeichnungen zu dem Bild hervor, in dem er mit verschiedenen Lösungen experimentiert, die es ihm gestatteteten, den durch das Knien der Frau entstehenden Größenunterschied der Figuren kompositionell befriedigend zu gestalten. Klimt löste das Problem dadurch, daß er das Standmotiv des Mannes im Unklaren ließ und andrerseits die Füße der Frau deutlich aus dem Gesamtumriß herausragen ließ, was das Knieen als Motiv der Unterordnung der Frau noch zusätzlich betont.
 
 
 
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