GUSTAV KLIMT
Die Welt in weiblicher Gestalt
Kapitel "Der Kuss"
   
   
   

 

 

 

 

 
Der Blumenschmuck der Frau wird zu einer Art Heiligenschein, der ihre schlafähnliche Passivität unterstreicht. Das Bild ist durch und durch ambivalent: Einerseits beschwört es das Glück erotischer Vereinigung. Das Ineineinder-Versunken-Sein des Paares, sein Ausgesetzt-Sein dienen dieser Vorstellung.
Andrerseits ist die Identität beider Personen und beider Geschlechter in Frage gestellt. Das Festhalten an der Geschlechterdifferenz im Ornament ist das abstrakt gewordene Echo der biologischen Unterschiedlichkeit. Zwar läßt Klimt - wie auch beim Rückenakt des 'Kusses' des Beethoven-Frieses - keinen Zweifel an der Männlichkeit seines Helden (mit dem er sich wohl identifiziert hat, das aber kaum als Porträt verstanden werden muß, wie so oft behauptet wird).
Aber indem er b e i d e Personen, das heißt auch, beide Geschlechter mit der einen Großform, der fast denkmalhaft-statuarischen Form des Phallus umhüllt, verleiht er der Illusion der Einheit der Geschlechter Ausdruck, indem er das, was ihre Differenz anatomisch-biologisch bestimmt, beiden Geschlechtern 'verleiht' und beide dadurch definiert - allerdings um den Preis, daß sich männliche Dominanz bis in diese Utopie der Versöhnung der Geschlechter hinein zwanghaft fortsetzen muß.
Die Komposition des Bildes legt einen doppelten Prozeß der Identifikation nahe. Für den Betrachter ist der Mann die Identifikationsfigur, was kompositionell, in seiner Darstellung als Rückenakt gefördert wird. Er ist es, der in der 'Vereinigung' nach der Auflösung der Getrenntheit der Geschlechter sucht. Die beide umfassende phallische 'Großform' und das Spiel der Ornamente läßt die Vorstellung e i n e s Körpers zu.
 
 
 
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