GUSTAV KLIMT
Die Welt in weiblicher Gestalt
Kapitel "Der Kuss"
   
   
m  

 

 
Die Körper fingieren dergestalt, was ihnen abgeht und was sie begehren. Sie werden selbst symbolisch zu dem, was sie nicht haben. So setzen diese Frauen für den einzigen Mangel ihres Körpers diesen selbst, zugleich ein Zeichen des Mangels und der symbolischen Sättigung. Durch das Futteral ist der begehrende Körper zum Zeichen des Begehrten geworden: ein Fetisch in der Requisitenkammer der Lüste." (Gert Mattenklott: Figurenwerfen. Versuch über Klimts Zeichnungen. In: Gustav Klimt. Zeichnungen. Ausstellungskatalog. Hannover 1984, S.29f.).
Was bei vielen Paardarstellungen Klimts schon beobachtet und beschrieben wurde, gilt auch für diese berühmteste Fassung dieses Themas, den Kuß : Die Umarmung erscheint weniger als 'Vereinigung', als ein Bild, das den Triumph des Eros verkörpert, denn als eine in sich erstarrte Regression - Bewegungslosigkeit ist auch ein Kennzeichen gerade des Kusses - einer Regression, in der die beiden Geschlechter weder sich noch die Welt mehr wahrnehmen. (Vgl. Eva di Stefano,In: Wolfgang Pircher (Hg.): Début eines Jahrhunderts. Essays zur Wiener Moderne. Wien 1985, S.124f.).
Klimt zeigt eigentlich in allen seinen Paardarstellungen kaum etwas von den kommunikativen Aspekten der Liebe. Seine Paare sind kaum durch gestische und affektive Aktivität miteinander verbunden (Die Aggressivität des Geschlechterkampfes, wenig später ein wichtiges Thema des österreichischen Frühexpressionismus, bleibt auch ausgespart). Seine Paare finden sich fast ausschließlich in fast erstarrter, statischer Umarmung wieder oder, in den spätesten Werken, in traumverlorener Beziehungslosigkeit. Sie bilden die eine Möglichkeit bei der Suche Klimts nach einer neuen Definition der Geschlechterbeziehung und -definition - eine andere, in den Zeichnungen, die Reduktion auf die Einsamkeit der sich selbst erotisch genügenden Frau.
 
 
 
Seite 8
Seiten 1 2 3 4 5 6 7 8
   
    zum menue kunst