Nur ein Tanz
 
Ambrogio und Pietro Lorenzetti: Allegorie der guten Herrschaft. Palazzo Communale, Siena
Auszug aus: Gerechte und ungerechte Herrschaft. Eine mittelalterliche Allegorie auf die Stadtrepublik Siena In: Beiträge zur historischen Sozialkunde, 10. Jahrgang, Nr. 1 1980, S.14-18
   
         

 
Unter den sechs Tugenden, die von Frauen verkörpert werden und zu Seiten der Personifikation des ,,Ben Comun", bzw. ,”Sienas“ Platz genommen haben, fällt eine Figur besonders auf: die links, etwa in der Mitte zwischen ,,Ben Comun" und .Justitia sitzende ,„Pax".
Sie ist tatsächlich ein Mittelpunkt der ganzen allegorischen Versammlung und vermag sich mit ihrer lässigen Haltung unauffällig ins Bild zu setzen. Sie lehnt auf einem Polster, unter dem sich Teile einer Rüstung befinden. Wie die ,,Pax" in zwangloser Haltung das Kriegsrät unter sich begrabt, ist allein schon eine originelle, sprechende Erfindung des Malers. ,,Sprechend" ist aber auch der Kontrast von schwarzer, harter Panzerung, hinter der sich ein Körper verbergen und schützen soll, und dem weißen, körperbetonenden, weich fließenden Gewand, das sogar die Brustwarzen durchschimmern läßt.
Anstatt uns bloß eine durch Attribute erläuterte Allegorie des Friedens zu geben, setzt uns Lorenzetti eine von den anderen weiblichen Allegorien durch Haltung und Kleidung deutlich unterschiedene Schönheit vor Augen: Friede ist kein abstraktes Ziel politischer Anstrengung, er — in diesem Fall muß man wohl sagen, sie - i s t sinnliches Glück, um dessentwillen sich das Bemühen um ,,gerechte Herrschaft" und friedvolles Leben lohnt.
Es ist gut möglich, daß die Darstellung der tanzenden Mädchen, an deren Deutung man herumrätselt, in einem verwandten Zusammenhang zu sehen ist. Neun Mädchen tanzen im Vordergrund der Stadt zum Gesang eines zehnten Mädchens, das den Takt mit einem Tamburin schlagt. Die Szene befindet sich etwa in der Mitte der Stadtdarstellung auf einem freien Platz. Man hat diese Tanzenden als die neun Musen interpretieren wollen oder ihren Sinn vor allem in ihrer formalen Bedeutung gesehen.
Daß die Szene eine religiöse Bedeutung haben konnte, ist höchst unwahrscheinlich. Erstens wegen des profanen Charakters des ganzen Bildzyklus und auch deswegen, weil Tanzszenen wegen ihrer Nahe zur irdischen Liebe in religiöser, mittelalterlicher Malerei höchst selten zu finden sind. Daß das Motiv aber nur eines unter vielen Momenten der realistischen Schilderung des mittelalterlichen Stadtlebens sein könnte, ist auch fragwürdig: das Tanzen auf der Straße war nämlich in vielen italienischen Städten regelrecht verboten! In Siena mit Sicherheit bis knapp vor die Zeit, zu der der „Saal der Neun" seine Bildausstattung erhielt. Das ist selbst dann merkwürdig, wenn wir nicht gleich annehmen, die Szene sei als eine Art von Protest zu verstehen. Jedenfalls haben wir wegen dieses Umstandes Grund zur Annahme, daß die Tanzdarstellung nicht unbedingt auf derselben Realitätsebene zu verstehen ist wie die übrigen Szenen in der Stadt. Und es ist darum wohl nicht an eine Art ,„Freizeitvergnügen nach vollbrachter Arbeit" zu denken.
Im Tanz (wie im Spiel) verbindet sich die Möglichkeit der (auch körperlichen) Selbsterfahrung mit einer symbolischen Darstellung von Lebensmomentens von sozialem Zusammenhalt und gemeinsamen Bedürfnissen. Mit dieser Bedeutung gehört der Tanz zu den ältesten Kultformen — und es ist auffallend, daß die gezeigte Form des Girlandentanzes zu den ältesten Tanzformen überhaupt zeigt. Im Tanz haben die Beteiligten die Gelegenheit, ihre Bedürfnisse nach eigenen Gesetzen darzustellen; zum Unterschied von all den Formen der Arbeit, die uns rundum im Bild vorgeführt werden, setzen sich hier die Menschen ihre Zwecke selbst und machen sich selbst zum Zweck.
Es wird eine Weise menschlicher Selbstverwirklichung ins Bild gerückt, die ihr Ziel im Menschen, und nicht in von ihm durch Arbeit hergestellten Produkten, erreicht. In dieser Szene ist - wenn wir das recht sehen - das Bild nicht bloße Affirmation, bestätigende Verdopplung des sozialen Zustandes, so wie er ist: Hier wird uns Einblick in eine Gegenwelt gegeben, die geglücktes Leben jenseits einer durch Arbeit beherrschten Welt beschwort.
   
         
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