Musenstatue, vermutlich 'Polihymnia', aus den Gärten des Kaisers Heliogabal. Römische Kopie nach griechischem Vorbild. Musei Capitolini Rom
 
"Nebeneinander sehen die beiden Wörter fast gleich aus, durchsichtig scheinbar.
Die M und die n, die ihre Struktur rahmen und richten, können zwar nicht verhindern, daß die identischen s in der Mitte die Akzente anders tragen, das eine Mal vor sich her, das andere Mal auf dem Rücken.
Dennoch, von ihrem dunklen vokalischen Kern aus klingen beide Wörter. Beide suggerieren sie Aura und Antike, Geheimnis und Pflicht."
John Updike

 

   
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Inschrift am Königlichen Museum, heute: Altes Museum, Berlin
 
 

Museum - Eine metaphorische Komplikation

Im Zuge der Planung und während der Errichtung des königlichen Museums in Berlin gibt es einen kurzen Konflikt über die Inschrift, die am vom Architekten Karl Friedrich Schinkel entworfenen Gebäude angebracht werden soll. Diese würdigt den preussischen König als Stifter und erläutert den Zweck des Gebäudes. Der Disput entzündet sich 1827 am Vorschlag, den Aloys Hirt ausgearbeitet hat:
FRIDERICVS GVILELMMVS III STVDIO ANTIQVITATIS OMNIGENAE ET ARTIVUM LIBERALIVM MVSEVM CONSTITVIT MDCCCXXVIII - "Friedrich Wilhelm III. stiftete das Museum für das Studium alterthümlicher Gegenstände jeder Gattung und der freien Künste.”
Staatsrat Johann Wilhelm Süvern begründete seinen Einspruch gegen Hirts Entwurf, mit dem Begriff Museum würden "im ganzen Alterthume nur Orte der Wissenschaft und der Beschäftigung mit derselben gewidmet” bezeichnet, solche die zur "Aufbewahrung von archäologischen oder Kunstgegenständen bestimmt sind, niemals". Zwar sei der Sprachgebrauch Museum der populäre, niemals aber der klassische und daher für eine Inschrift un-geeignet.
Ludwig Tieck ­ “Das Wort Museum war den Alten in der Bedeutung einer Kunstsammlung fremd” - und Alexander von Humboldt, der von einer "von ganz Deutschland erkannten Lächerlichkeit" spricht, äußerten sich in demselben Sinn gegen die Inschrift. Um den Streit zu schlichten, wurde ein Gutachten der historisch-philologischen Klasse der Königlich-Preussischen Akademie eingeholt , das, von Friedrich Schleiermacher gezeichnet, das Einge-ständnis enthält, dass man zwar die Hirtsche Inschrift für völlig kritikwürdig halte, selbst aber keinen wirklich überzeugenden Vorschlag habe.
So blieb es, ungeachtet der Kritik, bei Hirts Vorschlag, dessen Inschrift seither auf dem Museum zu lesen ist. In dieser Geschichte gibt es einen kaum wahrnehmbaren Riss, einen kleinen blinden Fleck: warum entschied man sich nicht gegen den Begriff Museum, wenn man archäologisch und philologisch triftige Argumente hatte. Und was wählte man eigentlich mit der so genannten populäreren Bedeutung, von der nirgends gesagt wird, worin sie denn bestand und was deren Vorzüge seien?
Lassen wir dieses kleine Rätsel einen Augenblick lang ungelöst und machen wir uns zuerst klar, dass zu dieser Zeit, im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, der Begriff Museum noch nicht so privilegiert und derart eindeutig mit den Vorstellungen verknüpft ist, mit denen wir ihn zu assoziieren gewohnt sind, nämlich mit dem öffentlich zugänglichen Gebäude das ein Sammlungs- und Ausstellungsort ist.
Das Wort Museum hatte um und nach 1800 ein sehr viel weiteres Bedeutungsfeld als heute und es konkurriert noch mit vielen anderen Sammlungen, Sammlungsarchitekturen und Sammlungsinhalte kennzeichnenden Begriffen. Gesellige oder gelehrte Vereine bildeten sich unter seinem Schutz, Zeitschriften trugen ihn als Titel, Sammlungen literarischer Texte konnten unter dem Begriff veröffentlicht werden. Und umgekehrt konnten für das, was man heute landläufig unter Museum versteht, ältere Begriffe wie Kabinett oder Galerie ­ letzterer bis heute - verwendet werden.
Wie wenig eindeutig der Begriff noch um 1830 ist, zeigt die Verlegenheit, die bei der Benennung des nahezu zeitgleich zu Berlin geplanten und eröffneten Museums entsteht, das der bayrische König Ludwig I. für seine Antikensammlung in München errichten lässt. In der Ausschreibung und in den eingesandten Entwürfen ist schlicht von einem ‚Gebäude zur Aufstellung von Werken der Bildhauerkunst’ die Rede, aber der Kronprinz selbst beruft sich bereits auf das lateinische Wort, wenn er (1808) schreibt: “Wir müssen auch zu München etwas haben, was zu Rom museo heißt”, wobei er sowohl an das Museo Capitolino als auch an das Museo Pio-Clementino gedacht haben kann. Schließlich wurde, wahrscheinlich auf Veranlassung des Königs, ein anderer Begriff gefunden, nein erfunden: Glyptothek.
In der ersten Beschreibung der Glyptothek von Ludwig Schorn und Leo von Klenze von 1830 heißt es: "Da die deutsche Sprache ohne eine metaphorische Complication keinen bezeichnenden Namen für ein solches Gebäude gewährte, und auch unter den aus anderen Sprachen angenommen Wörtern sich keines fand, welches die Sache bezeichnete, so ward nach der Analogie von Bibliothek, Pinakothek usw. das Wort Glyptothek gebildet, und für das Gebäude statt des gewöhnlicheren, aber so ganz unpassenden Museum gewählt." Ähnlich der Berliner Debatte verwies auch der Architekt der Glyptothek, Leo von Klenze in seiner Sammlung Architektonischer Entwürfe von 1830 auf die Diskrepanz zur antiken Wortverwendung:
"Diesen Namen (Glyptothek; GF) gab man einem zur Aufbewahrung antiker Bildwerke bestimmten Gebäude in Übereinstimmung mit dem schon längst eingebürgerten Bibliothek, Pinakothek usw. Ein griechisches Wort für ein anderes schien, dieses neugebildete immer viel passender als das zwar allbekannte, aber ganz heterogene Zwecke bezeichnende Musäum: welche Muse des Parnass stand wohl der Bildhauerkunst oder Malerei vor?" Kurzum, in München erschien ‚Glyptothek’ antikischer und daher zur Sammlung und zum “reinsten anthikischen Styl” des Gebäudes passender als ‚Museum’. Klenze vermisste im Reigen der Musen nicht nur eine eindeutige Schirmherrscherin ‚seiner’ Kunst, der Architektur. Er wendete die Etymologie dieses Begriffs bautypologisch überraschenderweise gegen die (sich schließlich aber zu Beginn des 19. Jahrhunderts durchsetzende und z. B. in den USA bis ins 20. Jahrhundert hinein gepflegte) Vorbildlichkeit der griechischen klassischen Tempelarchitektur: schon in der Entwurfserklärung von 1815 wies er darauf hin, dass das Mouseion in Athen allein Versammlungsort Gelehrter und Künstler war - während in Rom der Tempel, die Bäder und Thermen Kunstwerke aufnahmen. Deshalb, so Klenze, sei der Ursprung des Museumsbaues nicht der griechische Tempelbau, sondern die römische Villa oder Therme.
Klenze argumentiert hier in ähnlicher Linie wie das in Berlin der Fall war: das antike M0useion ist kein Ort der Sammlung im gegenständlichen Sinn. Die metaphorische Complication, die in Berlin und München Kopfzerbrechen bereitete, ist ein Indiz für die Unsicherheit einer jungen Institution, ihren in Entfaltung befindlichen Funktionen und neuen Bedeutungen einen angemessenen Begriff zu verleihen und sich zugleich in einer adäquaten antiken und klassischen Praxis zu legitmieren. Das Festhalten am Museumsbegriff in Berlin entgegen dem archäologisch-philologischen Wissensstand, lässt sich als eine Erinnerung an eine gleichsam untergründige und unbewußte Tiefenschicht lesen, die im Berliner Namensstreit wieder virulent wurde.
Wenn wir wissen wollen, worin diese halb und halb verschüttete Bedeutung des Begriffs liegt, von dem im ‚Inschriftenstreit’ gesagt wird, dass sie der populärere war, müssen wir uns seiner Herkunftsgeschichte zuwenden. Die Spurenlese ursprünglicher Bedeutungsebenen des Wortes Mouseion ist nicht nur von allgemeiner kulturgeschichtlicher Bedeutung: dessen mythologischen, kultisch-religiösen und mnestischen Aspekte werden in der Geschichte des Museums bis heute immer wieder aktualisiert, z. B. in der Architektursprache oder in der Ikonografie der Ausstattung von Museen mit Gemälden, Fresken, Statuen usw. aber ich den Praktiken seiner Nutzung oder in der theoretischen Analyse. Diese Züge liegen aber, meist auch den Beteiligten nicht bewusst, wie verborgen unter der Oberfläche der Institution. Ich unterstelle, dass eine gleichsam europäische Tiefendimension des Museums inzwischen aus den offiziellen Hinsichten vollkommen ausgeklammert ist.
Die Alltäglichkeit und Selbstverständlichkeit des Begriffs macht es schwer, zu ihm auf Distanz zu gehen und zu erkennen, was seine inflationäre Verwendung versiegelt: die Wahrnehmung der memorialen Funktion. Ein erhellendes Indiz dafür ist die offizielle und weit verbreitete Museumsdefinition des Internationalen Museumsrates ICOM , wo das Museum als Ort des Sammelns, Bewahrens, Erforschens und Vermittelns bestimmt wird, nicht aber des Erinnerns. Selbst aus der Geschichte des Museumswesens, aus der Selbstreflexion seiner Herkunft, ist die Spur, die hier verfolgt wird, verwischt: der notorische Hinweis auf die Herkunft der modernen Institution Museum aus dem hellenistisch-alexandrinischen 'Museum' ist mehrfach irreführend. Er ist nicht nur irreführend weil die alexandrinische Institution ­ ich komme darauf ganz am Ende dieses Abschnitts zurück -, nichts mit dem heutigen Museum gemein hatte, und generell suggeriert wird, es habe in der Antike bereits Museen im herkömmlichen Verständnis der modernen Institution gegeben, er ist vor allem irreführend, weil damit der Weg durch diese entstellende Überlieferungs- und Ursprungsgeschichte hindurch zu der Zeit davor versperrt wird.
Mit dem Hinweis auf einen scheinbar eindeutig festlegbaren Ursprung in einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort werden alle Anforderungen an eine zufrieden stellende Antwort auf die Frage nach der Herkunft der Institution trügerisch erfüllt. Es unterbleibt die Frage nach der Wort- und Sachgeschichte, nach seiner mythologischen und historischen Bedeutung und damit nach seiner weit über das alexandrinische Mouseion hinausreichenden Tiefendimension. Und damit wird die Chance vertan, aus der Differenz von antikem und modernen Begriffs-Gebrauch eine museologisch und museumspolitisch handhabbaren und fruchtbare ‚Idee des Museums’ zu gewinnen.
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Leo von Klenze: Glyptothek, München
 
 
 
Die ‚metaphorische Complication’ erschwerte die Rezeption und das Verständnis des Gebäudes und seiner Funktion eher, als dass es dieses erleichtert hätte. Das “närrische Haus des Kronprinzen” und seine Benennung wurden zum Gegenstand der spöttischen Verballhornung bis zu Christian Morgensterns “Kryptothek”. Selbst bei Prägung einer Gedenkmünze stolperte man über die “gezwungene und höchst akademische” Bezeichnung und ließ die Schreibweise ‚Klyptothek’ fälschlicherweise zu.
Das Statuenprogramm des Museums mit Phidias, Praxiteles, Lysipp usw., aber auch mit Hephaistos und Prometheus sowie Glyptés im Giebel nahmen auf das Gebäude und seine Funktion als Ausstellungsort antiker Statuen und plastischer Bildwerke bezug. Dieser Statuenschmuck ersetzte eine erläuternde Inschrift, denn auffallenderweise wurde sowohl auf die Nennung des Stifternamens verzichtet als auch auf die im Französischen - national, français oder classique - üblichen, auch hier zu Glyptothek denkbaren Beifügungen. Der Architekt Haller begründete den Verzicht auf eine Inschrift damit, daß "in der schönen Zeit" eine die "Bestimmung nennende Inschrift" nicht angebracht gewesen sei. "Sie sprach sich in ihnen selbst aus und ihre besonderen Bestimmungen lagen öfters in plastischen Kunstwerken an ihnen angedeutet."
 
 
 
In der Aufklärung führt der Wunsch, die antike Einheit der Künste wiederherzustellen, zu einer Begriffserweiterung von ‚Museum’. Dieses ist der Ort, an dem alle Künste gelehrt und gepflegt werden, beschirmt und inspiriert von den für die verschiedenen Künste delegierten einzelnen Musen. Bis in die Französische Revolution hinein entwirft man von dieser Idee angeregte Konzepte und Bauten, die allem zugleich dienen: der Herstellung von Kunst und der wissenschaftlichen Beschäftigung mit ihr, der Pflege der Wissenschaften generell und der Ausstellung als einem bereits mehr oder minder popularisierendem Medium. In der Praxis der revolutionären Museumsgründungen setzen sich solche hybride Institutionen aus Akademie, Museum und Universität jedoch nicht durch.
Der Verwendung des Wortes Museum für derlei Einrichtungen liegt der weitverbreitete und lange anhaltende Wortgebrauch im Sinne von Ort der Gelehrsamkeit zugrunde, ein Wortgebrauch, der die Rezeption und Tradierung des antiken Musenmythos im christlichen erlaubt: Obwohl "ertichtete Götinnen der Heyden" werden die Musen namengebend, denn: "Wenn ein Christ in seinen Schriften ihres Nahmens sich bedienet, so deutet er dadurch nur die Gelehrsamkeit an."
         
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