"Der großen Enzyklopädie zufolge wurde das erste Museum im modernen Sinne des Wortes (das heißt, die erste öffentliche Sammlung) am 27. Juli 1793 vom französischen Nationalkonvent gegründet. Dies würde bedeuten, daß der Ursprung des modernen Museums mit der Entwicklung der Guillotine einherging."
Georges Bataille
     
         

Hubert Robert: Die Grande Galerie des Louvre
 
 
 
P. A. Demachy: Zerstörung der 'Embleme dere Monarchie'. 10. August 1793. Place de la Révolution (Place de la Concorde). Musée Carnavalet, Paris. Links im Bild die Statue der Freiheit auf dem Sockel des gestürzten Standbildes Lidwig XV.
 
 
 
d'Helman: Hinrichtung Ludwig XVI. (Ausschnitt). Musée Carnavalet, Paris
 
 
 
Fete de la regeneration. 10. August 1793
 
 
 
Hubert Robert: Die Plünderung der Königsgräber in St. Denis im Oktober 1793
 
 
 
Hubert Robert: Salle des saisons, Musée Napoleon (Louvre)
 
 

Guillotine und Museum. Die Genese der bürgerlichen Museumsidee in der französischen Revolution

Worauf Bataille mit dem oben zitierten Apercú - in einer Glosse in einer surrealistischen Zeitschrift zum Stichwort ‘Museum’ - aufmerksam macht, ist mehr als nur der offensichtlich zeitlich enge Zusammenhang von politischer und sozialer Revolution einerseits und Museumsgründungen in Frankreich in den 90er-Jahren des 18. Jahrhunderts andrerseits. Was diese aphoristische Bemerkung behauptet, ist eine irritierende und überraschende Verknüpfung, die Postulierung eines Zusammenhanges von Terror und Museum, zweier Aspekte der Französischen Revolution, von äußerster Gewalt und kultureller Institution, die normalerweise nicht und sicher nicht so miteinander in Verbindung gebracht werden.
In unserem alltäglichen Verständnis vom Museum als einer sich nur langsam ändernden, bewahrenden, die Traditionen hütenden, und Kultur schaffenden wie vermittelnden Institution sträubt sich alles dagegen, eine Verbindung zur Revolution als Ereignis des Bruches und einer Zeit der Beschleunigung herzustellen, aber noch viel mehr, sie als geschichtlich verschwistert zu denken mit dem Exzeß, mit dem Königsmorde und dem Terreur, mit der ‚Schreckensherrschaft’ der jakobinischen Phase der Revolution.
Tatsächlich aber gibt es diese zeitliche Koinzidenz, die sich empirisch im Ablauf der Ereignisse zeigt, nämlich in der Tatsache, daß inmitten der politisch-sozialen Peripetie der Revolution, inmitten der Monate des auf die Arbeit der Guillotine gegründeten Schreckens, das heißt auch: in einem sehr kurzen Zeitraum, rasch nacheinander eine Reihe großer musealer Institutionen entstehen.
Es entstehen - um nur die wichtigsten und zentralen pariser Institutionen zu erwähnen -, kurz hintereinander das Muséum français (im Louvre), das Musée des Monuments Français, das Muséum d' Histoire Naturelle und das Musée des Arts et des Métiers. Museen, von denen einige bis heute - allen voran der Louvre -, in der Revolution zwar gegründet, aber weiter entwickelt und, die Revolution überdauernd, zu den großen und beispielgebenden wie modellhaften europäischen Museumsgründungen zählen.
"The Louvre as it came to be under Napoleon is usually and correctly iden-tified as the archetypal state museum and model for subsequent national art museums the world over."
Irritierend am Bild Batailles ist aber nicht der Hinweis auf eine ­ vielleicht zufällige - zeitliche Koinzidenz, sondern die Andeutung eines genealogischen und kausalen oder wenn schon nicht kausalen, so doch sachlichen Zusammenhangs von Revolution, Terror und Museum. Seine kurzen Bemerkungen werfen die Frage auf, warum denn das Museum ausgerechnet am Übergang des späten Feudalismus zur modernen Demokratie entstanden ist und welche Funktion es in dieser Transformation übernimmt. Die Funktion des Museums in der Revolution erschließt sich nur, wenn man sich auf seine zentrale, gesellschaftsbildende und identitäts-stiftende, auf seine politisch-soziale Funktion einläßt. Diese Funktionen sind aber, nicht im Einzelnen, aber in ihrer Bündelung und ihrer Kooperation neu: In und durch die Revolution werden ein Begriff und eine Praxis des Museums etabliert, die bis heute, wenn auch oft nur unterschwellig und kaum wahrgenommen unser heutiges Denken vom Museum wesentlich bestimmen. Sich mit dem Museum in der Revolution beschäftigen, heißt, sich mit Grundzügen des Museums der Moderne, mit dessen Entstehung zu beschäftigen. (...)
Am ersten Jahrestag der Revolution, das heißt am Jahrestag der Erstürmung der Tuilerien, die de facto die Entmachtung des Königs und das Ende des Königtums bedeutete, an dem Tag, an dem sich auch die Beschlagnahme des königlichen Besitzes jährte, sollte ein Fest stattfinden, und, nach den Wünschen Garats, auch die Eröffnung des Museums im ehemaligen Königsschloß, dem Louvre, und eine Salon-Ausstellung. Dieser Tag, der 10. August 1793, ist ein Jahrestag eines Ereignisses, des Tuilerien-Sturmes, das eine Peripetie der Revolution darstellte, eine einschneidende Zäsur, ein erstmals ‚nationales Ereignis’: Denn der Aufstand vom 10. August 1792 war, im Unterschied zum Sturm auf die Bastille, nicht das alleinige Werk der Pariser, sondern des französischen Volkes gewesen, als dessen Vertreter die Föderierten handelten. (Francois Furet)
Die Ereignisse dieses ‚dichten Tages’ verknüpfen gleichsam tagesaktuelle wie übergeordnete, nationale Ziele. Die Angriffe auf die persönliche und die materielle Integrität des Königtums verschärfen sich unter dem innenpolitischen Druck, gleichzeitig erfordert diese Krise eine aufwendigere Politik der Identität.
“Am 4. Juli 1793 billigt die der Konvent einen zweideutigen Erlaß, nach dessen Wortlaut man alle Zeichen des Königstums aus den öffentlichen Gebäuden wegschaffen sollte, und zugleich Schutzmaßnahme für die Kunstwerke liefern sollte. Der erstaunlichste Beweis dieser Spannung, die sich gegen den konkreten und wirklichen Feind und auch gegen die Erinnerung an den zerstörten Feind richtet, ist eine Rede von Barère, dem Verfasser des Erlasses vom 28. Mai 1791 über das Louvre-Museum. Am 4. August 1793 schlägt er verschiedene Maßnahmen vor: solche zur Landesverteidigung aber auch symbolische Maßnahmen. Zum Beispiel die Versetzung der ehemaligen Königin Marie Antoinette in Anklagestand vor dem revolutionären Gericht und die Zerstörung der königlichen Grabmäler in Saint Denis: ‚Die mächtige Hand der Revolution soll die hochmütigen Grabschriften unerbitterlich ausradieren und die leidlosen Mausoleen zerstören, die uns an die erschreckenden Könige erinnern könnten.’ Es handelt sich um ein zweites Todesurteil der Monarchie.” (edouard Pommier)
Das Ziel der Museumskommission war spätestens ab nun klar als ein politisches definiert, nämlich als die Errichtung und Eröffnung des Museums im Kontext der Revolutionsfeierlichkeiten und als Beschwörung nationaler Einheit. Tatsächlich erfolgten die Revolutionsfeiern und die Eröffnung des Louvre an ein- und demselben 10. August 1793.
Der ‚zweite Tod der Monarchie’ fiel mit der Geburt der Nation ­ in der Fête de la Régénération (auch: Fête de la Unité) - zusammen. Diese Eröffnung des Louvre war sensationell "because it was tied to the birth of a new nation. The investiture of the Louvre with the power of a Revolutionary sign radically transformed the ideal museum public. To the extent that the Lou-vre embodied the Republican principles of Liberty, Equality, and Fraternity, all citizens were encouraged to participate in the experience of communal ownership, and clearly many did." (Arthur McClellan)
Die Zusamenlegung der Eröffnung des Louvre mit dem am selben Tag stattfindende Fest, lassen keinen Zweifel an der politischen Dimension des Ereignisses und seines symbolischen Bezuges zur Vernichtung der alten Herrschaft und der Beendigung des Königtums: “Das Programm der Feierlichkeit am 10. August 1793 (es wurde vom David in einer Rede vor dem Konvent am 11. Juli dargestellt) ergänzt diese reinigende Symbolik. Ein Geleit von Karren wird ‚die niederträchtigen Attribute des Königtums und die hochmütigen Spielzeuge des ungebildeten Adels’ zur Place de la Revolution (heute Place de la Concorde) transportieren, wo sie in einem riesigen Scheiterhaufen am Fuß eines Standbildes der Freiheit als Sühneopfer verschwinden.” (edouard Pommier)
Keine sieben Monate nach der Hinrichtung des Königs findet an eben demselben Platz eine Akt statt, der eine symbolische Hinrichtung darstellt, ein ‚anders Opfer’, das bereits eine Umkehrung seiner Symbolik enthält: an Stelle des Königs kann eine andere, eine neue Kunst, kann das kulturelle Erbe, das 'patrimoine' - im Museum - treten, während die verhassten Symbole untergehen, verbrannt werden.
Dergleichen Veranstaltungen, also auch die Errichtung des Museums, wurden bereits in einem universalen, erzieherischen Auftrag verstanden, wie ihn wenig später, im Jahre II (1794), Boissy d'Anglas in seinem Essai sur les fêtes nationales suivi de quelques idées sur les arts beschrieb: als permanente Regeneration der Menschheit, Rückkehr zum Naturrecht, Zerstörung alles Unterdrückenden und Versklavenden. Autorität allein genügte nicht, sondern es bedurfte der freiwilligen Partizipation. Diese Feste bildeten auch eine Art von psycho-politischer Kontinuität, indem sie die Lücke ausfällten, die das Ausfallen königlicher und kirchlicher Feste bildeten.
Museumsgründung und Fest bilden zusammen ein nationales Ereignis, konstituieren die Nation, in jener ‚spontanen Äquivalenz’, von der François Furet als charakteristisch für das revolutionäre Bewusstsein gesprochen hat und das als solches die die Werte der Freiheit und Gleichheit verkörpernden Nation und den Individuen in einem ‚Kollektivwesen’ herstellte.
 
”Der einstimmige Wunsch der Nation ist, daß kein öffentliches Monument weiter bestünde, daß an die Herrschaft des Despotismus erinnern könnte”. Beschluß der Nationalversammlung am 11. August 1792
 
 
 
 
 
 
 
 
"Täuscht euch nicht, Mitbürger, das Museum ist keine oberflächliche Ansammlung von Luxusgegenständen oder Frivolitäten, die nur der Befrie-digung der Neugier dienen sollen. Es muß eine Ehrfurcht bietende Schule werden. Die Lehrer werden ihre jungen Schüler hinführen; der Vater seinen Sohn. Der Jüngling wird beim Anblick der Werke des Genies in sich das Gebiet der Kunst oder Wissenschaft lebendig werden fühlen, zudem ihn die Natur berufen hat. Gesetzgeber, es ist Zeit, die Unwissenheit in ihrem Amoklauf aufzuhalten, bindet ihr die Hände, rettet das Museum, rettet die Werke, die ein Hauch vernichten kann und die die geizige Natur vielleicht nie wieder hervorbringen wird." 2. Bericht über die Notwendigkeit der Auflösung der Museumskommission. Vorgetragen von (Jacques Louis) David, Abgeordneter des Departements Paris, in der Sitzung vom 27. Nivôse des Jahres II der Französischen Republik (16.1.1794).
 
 
 
 
 
 
 
 
 
"Das Museum soll die Entwicklung der großen Reichtümer der Nation zum Ausdruck bringen. Es soll die Ausländer anziehen. Es hat den Geschmack für die schönen Künste zu wecken, es soll die Kunstliebhaber erfreuen und den Künstlern das Studium ermöglichen- es soll allen offen stehen. Und dies wird eine nationale Bewegung sein und alle Menschen haben dieses Recht auf diesen Genuß." Jacques Louis David
 
 
 
 
 
"Das Museum im eigentlichen Sinne wird paradoxale Synthese dieses dop-pelten Ursprungs vollziehen, des Kultes und des Raubs, indem es das Kunstwerk in einen heiligen Schatz, d.h. im Grunde genommen ein Monster situiert auf der Kreuzung von Kontemplation und Konsumation, etwas, das man besitzt, aber wovon man sich verbietet, es zu berühren, etwas, das ihnen einen Genuß verschafft, aber ganz symbolisch und abgeleitet." Bernard Deloche: Museologica - Contradictions et logique du Musée. Abschnitt L'Obsession du Sacré.. Macon 1989
         
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