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Fliedl Gottfried, Sigrid Schade, M.Sturm (Hg.)
Kunst als Beute. Zur symbolischen Zirkulation von Kulturobjekten.
Museum zu Quadrat Bd.8. Wien 2000, Verlag Turia+Kant, ISBN 3-85132-144-8, 253 S., ISBN 3-85132-144-8, 254 S., EUR 18,-
Kunst und Kunstgeschichte schreiben nur selten Schlagzeilen - und wenn, dann stehen diese in der Regel im Feuilleton. Kunst als Beute gehoert hingegen zu den seltenen Phaenomenen, mit denen sich die nachrichtentechnische Schallgrenze zwischen Kultur und Politik durchbrechen laesst. Aus gutem Grund: Beutekunst ist nach wie vor eine Staatangelegenheit. Dennoch scheint es in diesem Fall schwierig, von der politischen Bedeutung auf das oeffentliche Interesse zurueck zu schliessen: Mit Meldungen ueber spektakulaere Kunstdiebstaehle aus Museen und Ausstellungen, Fahndungserfolge und Rueckfuehrungen hoch gehandelter Gemaelde laesst sich die Aufmerksamkeit wesentlich leichter wecken als mit Kleingedrucktem ueber die zaehen Verhandlungen, die Politiker ueber im Krieg verschleppte Bibliotheksbestaende fuehren. Da muss es schon mindestens die Gutenberg-Bibel oder das legendaere Bernsteinzimmer sein.
Die mitunter seltsame anmutende Diskrepanz zwischen kultureller und politischer Bedeutungszuweisung, oeffentlichem und staatlichem Interesse, und nicht zuletzt: Spekulation und Information ist charakteristisch, um nicht zu sagen: symptomatisch fuer den Umgang der Gesellschaft mit einem Thema, dessen Tragweite eher an dem zu messen ist, was ungesagt bleibt, weil es an zahlreichen Tabus eben dieser Gesellschaft ruehrt. Wo die politisch motivierte Unterschlagung von Informationen mit den Dynamiken kollektiver Verdraengungsprozesse zusammenkommt, ist das Faktische schwer zu fassen und wird ueberlagert vom Fiktionalen. Auch der Umgang mit dem Thema selbst scheint daher einer archaeologischen Vorgehensweise zu beduerfen, die sich nicht auf eine Suche nach den "Missing Bodys", den verschwundenen Dingen selbst und den Spuren, die moeglicherweise zu ihnen fuehren koennten, beschraenken kann. Vielmehr werden sich Recherchen - das Randstaendige, das eher auf den Nebenwegen einzuholen ist, befragend - auch den "Missing Links" zuwenden muessen, die zwischen von ihrem historischen und geographischen wie auch von ihrem soziokulturellen und politischen Kontext her zunaechst hoechst disparat bestimmten Faellen zu vermuten sind.
Aus der Rezension zu "Kunst als Beute". Ganzer Text
GOTTFRIED FLIEDL, SIGRID SCHADE: Einleitung: Zur symbolischen Zirkulation von Kunst- und Kulturobjekten EDOUARD POMMIER: Museum und Bildersturrn zur Zeit der Französischen Revolution ARMIN HETZER: Verlagerung von Bibliotheksbeständen als kulturhistorisches Phänomen MARTIN EMELE: Rot wie der Schal von König Priamos - troianisches Gold zwischen Mythos und Politik BERNHARD PURIN: Invent-arisiert. Zur Aneignung von Judaica durch Museen im Nationalsozialismus ULRIKE HARTUNG: Der deutsche Kunst- und Kulturgutraub in der Sowjetunion HELEN REES LEAHY: Die Verteidigung der Schatzinsel: Britische Export-Kontrolle 1952 - 2000 THERESA GEORGEN: Das Phantom der Mumie. Zur Inszenierung der Angst der Kunstjäger vor der Beute im Spielfilm KONSTANTIN AKINSCHA, GRIGORIJ KOSLOW: Trophäenkunst und Kulturleben in Rußland. Zwischen zwei Ausstellungen im Puschkinmuseum 1955 und 1996 VERA FRENKEL: Die Macht der Abwesenheit: Schweigen, Schatten und Erinnerung SIGRID SCHADE: Verlust-Anzeige. Der nationalsozialistische Kunstraub und seine künstlerische (Re-)Konstruktion in Vera Frenkels Video-Installation »Body Missing« VOLKER HARMS: Beutekunst und"Cargo-Kulte". Versuch, ethnologisch eine der Spuren zu Vera Frenkels Werk "Body Missing" zu interpretieren IRIT ROGOFF: Body Missing -Unheimliche Geschichte/ n und Kulturelle Heimsuchungen PETER FRIESE: Das Fremde und das Eigene. Über Austausch, Aneignung und Anverwandlung in der Gegenwartskunst
 
Es ist kein Zufall, dass das Thema des nationalsozialistischen Kunstraubs in den 90er Jahren langsam wieder in Erinnerung geriet. Trotz aller "Wiedergutmachungs"-Diskussionen, die vor allem in der Bundesrepublik Deutschland (West) dominiert hatten, - war dieser Kunstraub wie das Thema der Zwangsarbeit und der Rolle der Banken und Konzerne im NS seit den 50er Jahren tabuisiert - und dies nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich, Frankreich und anderen Staaten, deren staatliche Museen sich nach wie vor im Besitz von Kunstwerken ungeklärter Provenienz befinden.
   
Der Auflösungsprozess der ehemaligen UDSSR, der deutsche Einigungsprozess in den letzten zehn Jahren, ebenso wie das Ende der Geheimhaltungsfristen für entsprechende Akten in den USA u.a. hatten dazu geführt, dass bislang unzugängliche historische Dokumente erschlossen werden konnten, die über den Verbleib mancher der vor und im Zweiten Weltkrieg geraubten und seither verschollenen Kunst- und Kulturobjekte auf beiden Seiten des ehemaligen eisernen Vorhangs Aufschluss gaben. Politische und diplomatische Verhandlungen ermöglichten es, bislang verschwiegene Aufbewahrungsorte offen zu legen. Durch Generationswechsel vererbte, ehemals verschleppte Kunstgegenstände gelangten nun wieder in den Kunstmarkt, aus dessen Kreislauf sie von den ehemaligen Besitzern oder Museen in spektakulären juristischen Prozessen zurückgefordert wurden. Ende 1997 wurden z.B. zwei Gemälde Egon Schieles aus einer Ausstellung des Museum of Modern Art in New York heraus von einem Richter beschlagnahmt. Anlass für die Beschlagnahme der beiden aus dem Besitz der Leopold-Museum Privatstiftung stammenden Gemälde war der Verdacht, dass es sich um arisierten Besitz handelte, ein Justizfall, der eine breite öffentliche Diskussion in Österreich auslöste. Die Sensationsberichterstattung über die von sowjetischen Trophäenbrigaden als Kompensation für Kriegsverluste in die ehemalige UDSSR verbrachten Kunst- und Kulturgegenstände aus deutschen Sammlungen und die diplomatischen Verhandlungen mit Russland über deren Zurückführung haben in den letzten Jahren die Diskussion über "Kunstraub" in Deutschland dominiert. Es verging kaum ein Tag, ohne dass auf die völkerrechtliche Unrechtmäßigkeit der Aneignung und die Entscheidungen der Duma berichtet wurde. Dabei spielte vor allem der sogenannte "Schatz des Priamos" eine in Deutschland überkodierte symbolische Rolle, weil die Funde aus Troja zutiefst mit dem Namen Schliemann verknüpft sind, der sie "dem deutschen Volk" vermacht und als Legende Generationen von deutschen Schulkindern zu begeisterten Archäologie-Verehrern gemacht hatte, während die historische Rolle solcher Art Archäologie als Beutejagd im Zuge nationaler Repräsentationsbedürfnisse zu kolonialistischen Zeiten nie thematisiert wurde. Entsprechend interessierte deutsche Museumskuratoren betrachten sich deshalb nach wie vor als rechtmäßige Eigentümer.
 
   
 
zum Thema Kunstraub vgl. auch: n Gottfried Fliedl, "...das Opfer von ein paar Federn".