Gottfried Fliedl, Ulrich Giersch, Martin Sturm, Rainer Zendron (Hg.):
Wa(h)re Kunst. Der Museumsshop als Wunderkammer. Theoretische Objekte, Fakes und Souvenirs.
Frankfurt (Anabas) 1997
Mit Beiträgen von Helmut M. Bien: Musealisierung der Alltagskultur, Bazon Brock: Spielsachen aus dem Fischernetz und: DieWarenwunder tut die Madonna erst im Museum, Walter Grasskamp: Museen und Museumsshops, Monika Schwärzler: Spielarten der Objektbildung, Thomas Zaunschirm: Was sind originale Ready-mades ?, Karl-Josef Pazzini: Stückchen des Realen, Ulrich Giersch: Konjunktur der Handschmeichler.
Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Offenen Kulturhaus Linz 7.12.1996 bis 24.1.1997
Zur Ausstellung Wa(hre) Kunst

 

 

 
Spätestens seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts sind die Originale von Künstlerhand einem starken Konkurrenzdruck ausgesetzt: Als serienmäßige Reproduktionen ihrer selbst haben sie die heiligen Hallen der Museen verlassen und zirkulieren als mehr oder weniger billige Massenartikel in unserer Warenwirklichkeit. Dieser Transformationsprozeß hält unvermindert an und wirkt heute in verstärktem Ausmaß auf die Institutionen der Kunst selbst erfaßt.
Mit der zunehmenden privatwirtschaftlichen Orientierung vieler Museen ist das Museumsshop zur fast selbstverständlichen Grundausstattung des Museums geworden und hat eine neue Klasse von Objekten und neue Formen von Objektbeziehungen entstehen lassen: Diesem Phänomen widmet sich die Ausstellung des Offenen Kulturhauses Linz.
Die Ausstellung, die Objekte, wie sie in Museumsshops und Warenhäusern zu kaufen sind oder über spezielle Versandhäuser oder Merchandising-Firmen versandt werden - Repliken, Gadgets, Handschmeichler, Spiele, T-Shirts, Klangobjekte, Essobjekte, Spassobjekte, Miniaturisierungen, Ausschneidebögen, Modelle, Designobjekte, Talismane, Andenkenstifter, Reiseandenken, Sehnsuchtsobjekte, Souvenirs, Weihegeschenke, Gebrauchsgegenstände.
Die Grenzen zwischen der wahren Kunst und der Warenkunst scheinen damit fließend zu werden und auf das Museum und die Museumskunst zurückzuwirken. Doch die Existenz der Museumsshops - noch immer klar vom 'eigentlichen' Museum räumlich und kommunikativ getrennt - bekräftigt und bestätigt - noch - die herrschenden kulturellen Distinktionen.
Während das Zirkulationsverbot und das ihm korrespondierende Berührungstabu bislang ein Strukturmerkmal des Museums waren und ihm - inmitten einer von Warenzirkulation bestimmten Ökonomie und Gesellschaft einen besonderen Platz einräumten -, markieren die Museumsshop und ihre Waren symptomatisch den Wandel: auch das Museum, eine letzte Bastion gegen allumfassende Verwertungsansprüche, gerät in deren Sog.
Die Ausstellung widmet sich der Bedeutung einer Dieser neuen, zwischen Kult und Kommerz changierenden Warenklasse, kann man schwerlich nur noch mit Urteilsklischees begegnen. Zu Vielfältig sind die Interessen und Wünsche, die sich in ihrer Herstellung und in ihrem Konsum artikulieren. Und zu vielfältig sind deshalb auch ihre formalen und symbolischen Qualitäten.
 
 
Aus den 'Stellvertreterobjekten' der Kunstwarenwelt kann sich der Besucher sein eigenes Musée imaginaire zusammenstellen und gerade die 'unbrauchbaren' Objekte unter der Bedingung ihrer doppelten Entkontextualisierung (aus ursprünglichen Gebrauchs- und Symbolisierungszusammenhängen und aus dem Museumskontext genommen) sind es, an die sich private Erinnerung anlagern und dem Besuch als solchen Distinktion und Gedächtnis verliehen kann.
Die dazu notwendige Massenreproduzierbarkeit zerstört dabei keineswegs die Aura des unikalen und originalen Objekts, im Gegenteil, es stärkt dessen virtuellen Gebrauchs- und - als Stellvertreter-Ware -, Tauschwert. Das Sehenswürdige wird nur noch immer sehenswürdiger, der Kanon der hochkulturell codierten Güter in ihrer Bestseller-Hierarchie zwischen Rembrandt und Klimt, Monet und Picasso bekräftigt.
Künstler ihrerseits bedienen den neuen Markt mit extra für ihn hergestellten und berechneten Objekten, beziehungsweise mit Repliken und Transformationen eigener Werke, die auch nichtmuseale Ansprüche zugeschnitten sind und subversiv die Grenzen zwischen Kunst- und Warenwelt unterlaufen.
Als Symptome der Waren- und der Museumskultur erschließen sie also weit mehr als nur Klischees und Konventionen, anderes als nur nostalgische und kitschige Sehnsüchte, sondern rücken in den Rang 'theoretischer Objekte' auf, die über Kult und Kommerz, Erinnerungsriten und ästhetische Obsessionen, Glücksversprechen und Verwertungsinteressen Aufschluß geben.
Aus dem Vorwort von Martin Sturm und Gottfried Fliedl